https://www.faz.net/-gr3-a9inn

Kristin Roskiftes „Alle zählen“ : Einer wird danach die Welt mit anderen Augen sehen

Wer von den 85 Kinobesuchern (links) wird den Film in 82 Jahren noch einmal sehen? Und wer ist bei einer Preisverleihung an Künstler (rechts) einfach erleichtert, noch am Leben zu sein? Bild: Kristin Roskifte / Gerstenberg

So schlicht die Bilder auch angelegt sind, so ausgreifend wird erzählt: Mit „Alle zählen“ hat Kristin Roskifte ein Wimmelbuch voller Anspielungen und Anregungen geschaffen – zum Finden und zum Weitererfinden.

          3 Min.

          Wie viele Menschen sehen in diesem Augenblick dieselben Sterne wie ich? Ganz am Anfang von Kristin Roskiftes Bilderbuch „Alle zählen“ stellt sich ein Junge abends im Bett diese Frage, beim Blick in den Abendhimmel. Er ist der einzige Mensch auf diesem Bild, der erste Mensch in diesem Buch, das fürs Erste Bild für Bild einen Menschen mehr zeigt und sich mit großer Ruhe und noch größerem Vertrauen in die Entdeckungslust seiner kindlichen Betrachter zu einem wahren Wimmelbuch auswächst. Schließlich wird nicht nur die Zahl der Szenen auf jedem einzelnen Bild fast unübersichtlich, auch die Zahl der Verknüpfungen, der Anspielungen und Weiterführungen, der Geschichten.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          So schlicht die norwegische Autorin und Illustratorin ihre Bilder auch anlegt, die bunten Figuren in Farbflächen ohne Schatten, alle weiteren Bildelemente lediglich hellblau konturiert – so ausgreifend wird erzählt. Und das auch ohne die zwei, drei ebenfalls dezent hellblau gehaltenen Zeilen, in denen der Blick gelenkt und oft genug über das unmittelbare Bildgeschehen hinausgehoben wird.

          Zunächst helfen die immergleichen Farben der Kleidung in den schematischen Figurendarstellungen bei ihrer Wiedererkennung. Wenn schließlich zweihundert Menschen am Strand gezeigt werden, die meisten in Badesachen, ist auch das kindliche Auge so geübt im Blick auf Frisuren und typische Haltungen, dass die Erzählfäden nicht einmal in dieser Menge ausfransen. Einer (der Junge aus dem ersten Bild vielleicht) erinnert sich gerade daran, irgendwo gelesen zu haben, dass es so viele Sterne im Universum wie Sandkörner auf der Erde gibt. Von einem anderen sieht man beim Baden nur noch die Hände, einer bekommt auf seinem Strandlaken gleich einen Schwall Wasser über den Rücken gekippt. Leute liegen und lesen und lachen, ziehen sich um, strahlen sich an oder schauen aneinander vorbei.

          Phantasie statt Finden

          Einen, den sein Sohn gerade im Sand vergräbt, haben die aufmerksamen Leser schon irgendwo einmal gesehen. Von einem Paar, jetzt eng umschlungen bis zur Brust im Wasser, wird in „Alle zählen“ beiläufig, Bild für Bild, sogar eine ganze Liebesgeschichte erzählt: Wie sich beide neben vier anderen im Fahrstuhl einsam fühlen, wie sie sich in der Bibliothek - wo sich der Junge gerade einen riesigen Bücherstapel unters Kinn geklemmt hat - durch das Regal mit den Kunstbänden hindurch wiedererkennen, später in einer Ausstellung, bevor man im Park - inzwischen ist das Buch bei ganzen dreißig Figuren pro Bild angekommen - schon gut erkennen kann, dass sie verliebt sind.

          Kristin Roskifte: „Alle zählen“. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 64 S., geb., 18,– €. Ab 5 J.
          Kristin Roskifte: „Alle zählen“. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 64 S., geb., 18,– €. Ab 5 J. : Bild: Gerstenberg

          Es gibt Neckereien in diesem Buch und Schreckmomente, es gibt Diebstähle und einen Gefängnisausbruch, es gibt - im Vergleich etwa zu den Wimmelbüchern Ali Mitgutschs, in denen allzu oft Frauen und Mädchen dabei zuschauen dürfen, wie Männer und Jungs etwas unternehmen oder anstellen - angenehm wenig Stereotype und auffällig wenig Schnappschüsse: Nicht einmal auf einem Schulhof mit hundert Menschen finden sich mehr ein paar Handgreiflichkeiten oder Unfälle: zwei rangeln, einen wirft das Ungleichgewicht auf der Wippe in die Luft. Phantasie statt Finden. „Eine wird bald stürzen und sich wehtun“, verrät Kristin Roskifte.

          Ein gutes Mittel

          Drei Mädchen auf dem Bild könnte das passieren. Ihr zweiter Hinweis indes könnte, und auch darin liegt ein Zauber, auf jedes zutreffen, man sieht es den Mädchen nicht an: „Eine wird einen Impfstoff entwickeln, der Millionen Leben rettet.“ Welche drei der fünfundachtzig Menschen in einem Kinosaal den Film langweilig finden, lässt sich vielleicht noch an den Gesichtern ablesen. Wie aber soll man darauf kommen, wer nach der Vorstellung „die Welt mit anderen Augen sehen“ und wer „den Film in zweiundachtzig Jahren noch einmal ansehen“ wird?

          Der Bilderbuchkünstlerin ist es um den Möglichkeitsraum zu tun: Wir sehen einander nicht an, so ihre Botschaft, was sich aus welchen Momenten für uns ergibt, was aus Zufallsbegegnungen und aus kaum wahrgenommenen anderen einmal werden wird. Es ist faszinierend, sich das auszumalen. Es ist ein gutes Mittel gegen Vorverurteilungen, Hochmut und Desinteresse. Und es ist ein Vergnügen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

          Förmlich davongetragen

          Kristin Roskifte gibt keiner einzigen Figur im ganzen Buch einen Namen. Selbst dass der himmelsbegeisterte Junge, der anfangs die Sterne betrachtet und auf so gut wie jeder Doppelseite mindestens einmal auftaucht, Thomas heißt, erfährt nur, wer ganz hinten im Buch auf dem Fliegenden Vorsatz liest, welche der vielen Geheimnisse die Autorin zu jedem einzelnen Bild verrät. Aber für diese Doppelseite interessieren sich vielleicht nur erwachsene Leser. Wie viel schöner ist es, sich über dem Bild, das Thomas und seinen Vater im Wald zeigt, selbst zu fragen, was der eine von ihnen sagt und der andere den Rest seines Lebens behalten wird? Auch wenn es kaum eine schönere Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gibt, die Thomas seinem Vater gerade gestellt hat, als dessen Antwort: „In diesem Augenblick der Ausflug in den Wald mit dir.“

          Kindliche Leser werden sich für die abschließende Doppelseite mit den Geheimnissen in Hellblau kaum interessieren. Sie werden vorher, nach einem Bild, auf dem tausend Leute den Kopf nach einem Kometen recken, Thomas mit seiner Familie mit unter ihnen, mit ihren Gedanken an der letzten, einer schier unglaublichen Zahl hängengeblieben sein: „Siebeneinhalb Milliarden Menschen zusammen auf einem Planeten“, schreibt Kristin Roskifte dazu, „jeder einzelne hat eine persönliche Geschichte. Alle zählen. Und einer von ihnen bist du!“

          Es ist eine leuchtende Doppelseite in dunklen Farben, die ihre Leser förmlich davonträgt: in den Weltraum mit der Erde als etwa hühnereigroßem blauen Ball irgendwo rechts in dieser Endlosigkeit, in der es hier und da mal funkelt.

          Kristin Roskifte: „Alle zählen“. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 64 S., geb., 18,– €. Ab 5 J.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg an einem Covid-19-Patient.

          Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter auf 13,6

          Das Robert Koch-Institut hat 1919 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche hatte der Wert bei 1608 Ansteckungen gelegen. Bildungsministerin Anja Karliczek drängt auf Impfungen aus Solidarität mit Kindern und Jugendlichen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.