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„Königin des Sprungturms“ von Martina Wildner : Irgendwann muss man springen

Bild: Beltz & Gelberg

Martina Wildners neuer Roman spielt unter Leistungssportlern. „Königin des Sprungturms“ ist ein Buch des Erwachens, ein Buch der feinen Verschiebungen, die im Leben eines Mädchens schließlich alles in Frage stellen.

          Man darf nicht denken oben auf dem Sprungturm. Nicht an die Zuschauer oder an die Schwierigkeit des Sprungs, nicht an die Eltern und ihre dauernden Streitereien in der engen Plattenbauwohnung, nicht an Alfons, Wasserspringer wie die zwölf Jahre alte Nadja und gerade einmal zwei Jahre älter als sie, und schon gar nicht an Karla aus der Nachbarwohnung, die mit Nadja zusammen vor vielen Jahren gesichtet, ebenfalls zum Schnuppertraining eingeladen worden und Leistungssportlerin geworden ist wie sie.

          Karla ist die Königin des Sprungturms, sie gibt Martina Wildners neuem Jugendbuch den Titel, auch wenn Nadja dessen Heldin ist. Karla ist schweigsam, fast unsichtbar am Beckenrand, aber wenn sie springt, halten alle inne und staunen. Sie müsse eben, erklärt Karla, das ganze Leben in einen Sprung packen. Das lässt ihn derart strahlen.

          Vorsichtig und fein

          Kühl und klar lässt Martina Wildner ihre Nadja vom geschützten Schattendasein neben Karla erzählen, aus dem das Mädchen erst heraustritt, als ihre neidlos bewunderte Freundin aus dem Gleichgewicht gerät. Beide entdecken, dass Karlas Mutter heimlich einen Freund hat, und Karla erkennt in ihm den Mann, dem sie insgeheim die Schuld am Tod ihres Vaters gibt. Karla haut ab, und natürlich ist es Nadja, die sie findet - ausgerechnet auf einem Sprungturm im herbstlich-leeren Freibad. Dorthin hat sich Karla bei Wind und Wetter zurückgezogen, zum Nachdenken. Ein Glück, dass sie sich nicht hinunterstürzt ins leere Becken.

          Mit dem Gedanken spielt Karla wohl, Martina Wildner spielt dieses Motiv an, ganz vorsichtig und fein. „Königin des Sprungturms“ ist ein Buch des Erwachens, ein Buch der feinen Verschiebungen, die im Leben eines Mädchens schließlich alles in Frage stellen: die Freundschaft, die eigene Familie, ihren Sport, dem sie ihr Leben opfert und über den sie letztlich, als Journalisten mit ihr das Interview führen, das eigentlich mit Karla vereinbart war, kaum etwas zu sagen hat.

          Meisterlich ist, wie Martina Wildner die ungleiche Freundschaft schildert, den Druck auf die jungen Leistungssportler, der ihnen zugleich Halt gibt. Wildner lässt Nadja beobachten, wie ihre Freundin einem verschütteten Trauma auf die Spur kommt, das sie letztlich die Freundschaft kostet, aber auch dazu bringt, sich von ihrem Sport zu lösen. Und sich dem Leben ganz normaler Jugendlicher zuzuwenden.

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