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Klaus Ensikat illustriert Schnurres „Leihgabe“ : Nur zwei Tage lang, versprochen!

Bild: Aufbau

Wolfdietrich Schnurres Weihnachtsgeschichte aus „Als Vaters Bart noch rot war“, dem 1958 erschienenen Roman in Geschichten, ist wohl eine der schönsten und kitschfreiesten, die man sich vorstellen kann. Jetzt hat Klaus Ensikat sie illustriert.

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          Man müsste mal hinter den Märchenbrunnen schauen, im Berliner Volkspark Friedrichshain. Vielleicht steht dort, in einem Rosenrondell, eine Blautanne. Der Baum dürfte jetzt noch deutlich höher sein als die zwei Stockwerke, von denen uns der Erzähler von Wolfdietrich Schnurres „Die Leihgabe“ berichtet. „Es mutet merkwürdig an, sich vorzustellen, dass wir ihn mal zu Gast in unserer Wohnküche hatten.“ Ja, das tut es. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Schnurres Weihnachtsgeschichte aus „Als Vaters Bart noch rot war“, dem 1958 erschienenen Roman in Geschichten, wohl eine der schönsten und kitschfreiesten ist, die man sich vorstellen kann.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Denn der Baum kommt nicht aus Jux zu Besuch in Brunos Wohnküche. Sondern weil Bruno und sein Vater zu arm sind, um sich auch nur den mickrigsten Baum von Berlin leisten zu können. Und weil der Vater, ein Naturwissenschaftler, dem das Naturhistorische Museum mitten in der Rezession nicht mal eine Stelle als Hilfspräparator anbieten kann, niemals einen klauen würde.

          Aber ausleihen - das schon. So zockeln Vater und Sohn, den Spaten geliehen vom Museumswärter, in der Nacht vor Weihnachten in den Friedrichshain und leihen die Tanne aus, für einen Tag und eine Nacht.

          Ganz heutig

          In der mit größter Sorgfalt gesetzten, gedruckten und gebundenen Ausgabe des Aufbau Verlags Berlin, deren Vorsatzblätter weihnachtlich dunkelrot leuchten, zeigt der Illustrator Klaus Ensikat uns die beiden, im Berlin der dreißiger Jahre, zwei bräunlich-grau gekleidete Figuren in der grellen Waren- und Werbewelt der Zeit, die gerade opulent genug, aber nicht verwirrend ausfällt.

          An den Gleisbögen von Georgen- und Dircksenstraße gehen sie entlang, wir sehen sie im Sauriersaal des Museums, wo die Kaninchen unter den Skeletten wimmeln, als quöllen sie aus den Berichten des Kaninchen züchtenden Wärters. Wir blicken durch Brunos sehnsüchtige Augen auf die Weihnachtsbaumverkäufer am Alexanderplatz und sehen Vater und Sohn an der Ecke der Amalienstraße loslaufen, wo ein Spirituosenhändler „Grogk“ und „feine Liqueure“ feilbietet. Ensikats Illustrationen sind Topographie Berlins und Geschichtsbilder zugleich, in der Technik traditionell und im Detail, den Gesichtern zumal, ganz heutig - so wie Schnurres Erzählung auch.

          Nicht traurig sein

          Schnurre, der 1989 starb und in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre, ist ein Meister darin gewesen, in schlichten, lakonischen Sätzen, darum umso kunstvoller, schwierigste Zusammenhänge zu beschreiben. Der Vater, dessen Freundin Frieda, der Pfandleiher, von dem Bruno, einen Tag nur, das Grammophon der Familie zurückbettelt, sie alle sind spröde und doch ganz plastisch in ihren zerdrückten Gefühlen.

          Aus der Sicht Brunos geschildert, geraten sie und die Kompliziertheiten des Lebens auf die Augenhöhe der Kinder - und verdeutlichen dem erwachsenen Leser, wie viel Kinder spüren, mitfühlen, sich zu eigen machen: Zu Weihnachten, erzählt Bruno in ergreifendem und doch unpathetischem Plural, „fiel es uns allerdings auch besonders schwer, darüber wegzukommen, dass wir arbeitslos waren“. Nicht nur da schiebt sich die Folie des Heute über Schnurres so frischen Erinnerungstext. An Weihnachten, sagt Brunos Vater, sei es „unangebracht, traurig zu sein“. Nicht unangebracht ist es, sich zu Ostern einen weiteren Band zu wünschen: Schnurres Geschichte „Wovon man lebt“ über das erfundene Osterei.

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