https://www.faz.net/-gr3-7ujg3

Aufklärungsbuch für Grundschulkinder : Sex ist nichts, das man zugeben muss

Bild: Klett Kinderbuch

Drängende Fragen, offene Antworten und herzwärmende Bilder: In einem Aufklärungsbuch stellt sich Katharina von der Gathen dem Wissensdrang von Grundschulkindern. Und Anke Kuhl zeichnet dazu.

          Der Briefkasten steht auf der Fensterbank des Klassenzimmers: ein diskretes Angebot, hinter dem ein großes Versprechen steht. Wann immer die Bonner Sexualpädagogin Katharina von der Gathen im Rahmen des Schulunterrichts für ein Aufklärungsprojekt in eine dritte oder vierte Klasse kommt, stellt sie den Kasten auf, und jede Frage, die ein Kind auf einen Zettel schreibt und einwirft, wird auch beantwortet.

          Es sind Fragen darunter, wie sie der Aufklärungsunterricht seit jeher kennt, nach der Größe einer Gebärmutter und eines Spermiums, ob man jedes Mal beim Sex Kinder bekommt oder was ein Kondom ist. Es werden Fragen gestellt, die auch eine gestandene Pädagogin herausfordern: „Wer war der erste Mensch, der Sex gemacht hat?“ Und solche, bei denen sie sich, wie Katharina von der Gathen erzählt, erst einmal an ihr eigenes Versprechen erinnert: Müssen acht bis zehn Jahre alte Kinder wirklich schon mit dem Thema Abtreibung konfrontiert werden? Genauer gefragt: Was antwortet man ihnen? Die Frage immerhin haben die Kinder selbst in den Briefkasten gesteckt: „Wenn man schwanger ist und will kein Baby - was passiert?“

          Alles, was die Kinder wissen wollen - mehr nicht

          Ihre Antwort gehört zu den längsten in Katharina von der Gathens Buch „Klär mich auf“, das „101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema“ versammelt: Vorn auf jeder Seite findet sich eine Abbildung des Zettels, wie er aus dem Briefkasten kommt - gekrakelt oder in Schönschrift, mit elf Fragezeichen versehen oder auch mal ganz ohne Interpunktion. Darüber eine oft genug wundervolle Illustration von Anke Kuhl. Und die Rückseite gehört der Antwort. Das nimmt dem Thema Gewicht und weckt die Neugier: Kinder können in diesem Spiralblock blättern wie in einem Bilderbuch, bis sie an einem Bild hängenbleiben oder an einer Frage. Und dann wird gelesen. Bei der Frage, die auf das Thema Abtreibung hinausläuft, erfahren die Kinder viel über die möglichen Gefühle der Frau, darüber, wer ihr helfen könnte, wenn sie sich, was selten vorkomme, nicht vorstellen kann, wie sie „das mit einem Kind schaffen soll“. Die Schwangere könnte dann vielleicht doch wieder Mut fassen, erklärt die Autorin, oder sie könnte ihr Kind zur Adoption freigeben. „Oder die Frau sieht keinen anderen Weg, als die Schwangerschaft abzubrechen. In den ersten Wochen ist das bei einem Arzt oder einer Ärztin möglich.“

          Mehr erfahren die Kinder darüber nicht, und mehr müssen die Kinder darüber auch nicht wissen. Es gehört zur Kunst der so klaren und einfühlsamen Antworten in diesem Buch, dass sie das Maß kennen, dass die Autorin nicht alles anspricht, was für Erwachsene in Sichtweite einer kindlichen Frage liegt, sondern den Fokus hält. Und wenn dann für das Kind noch nicht alles gesagt ist, gibt es eben eine Nachfrage. Das nächste Mal, wenn im Projektunterricht der Briefkasten geleert wird oder wenn das Kind zu Hause mit dem Buch ankommt. Falls es damit ankommt.

          Was regen sich eigentlich alle so darüber auf?

          So wichtig der schulische Aufklärungsunterricht schon in einem Alter ist, in dem die körperlichen Veränderungen der Pubertät noch vor den Kindern liegen, und so unersetzlich das vertrauliche Gespräch mit den Eltern über das Thema auch ist: Die Unverbindlichkeit eines Buchs und die Intimität des Lesens sind eine Bereicherung. Zumal, wenn es ein so handfestes, warmherziges und witziges Buch wie dieses ist. Witzig ist es nämlich auch - nicht nur bei Fragen wie „Kann ein Kind auch aus dem Po kommen?“, „Wie viele Menschen haben schon Sex gemacht?“ oder „Kann ein Kind im Bauch furzen?“. Das liegt zum großen Teil an den Bildern, die sich die Frankfurter Illustratorin Anke Kuhl zu den Fragen hat einfallen lassen. Schon ihr zusammen mit Alexandra Maxeiner verfasstes Werk „Alles Familie!“, das vor drei Jahren mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden ist und in keinem Elternhaus fehlen sollte, zeigte sie als hinreißende Kommentatorin menschlicher Merkwürdigkeiten im Bild.

          Jetzt lässt sie einen struppigen Mann im Lendenschurz unter einem Baum mit einem Apfel „EEEEVAAA!“ brüllen, um die Frage nach dem ersten Mensch zu bebildern, der „Sex gemacht“ hat. Über der Frage, warum alle beim Sex stöhnen, lässt sie ein Kind am Frühstückstisch fragen, ob die Eltern in der Nacht Albträume hatten. Und zur Frage, ob Kinder schwul sein können, lässt sie eine alte Frau mit großen Augen schon die Hand vor den Mund schlagen, wenn sich zwei kleine Jungen mal einen Kuss geben. Auf die heikle Frage, was eine Vergewaltigung ist, bekommt die Antwort durch ihr Bild einer Frau in der Pranke eines schrecklich anzusehenden Monsters schon eine erste Richtung: Obwohl sie von ihrer Statur her klar unterlegen ist, schleudert diese dem Angreifer ihr „Nein!“ mit aller erdenklichen Wucht entgegen. Und zur Frage, wie sich Sex denn nun anfühlt, hat Anke Kuhl Blüten, Wogen, rosa Wölkchen, einen Strudel und eine Explosion gemalt. So einfach ist das.

          Die Gruppe solcher Fragen ist eigentlich die schönste in diesem Buch: Wenn es nicht um körperliche Eigenheiten und Entwicklungen geht, sondern um einen Punkt, der Kindern in einer Zeit unter den Nägeln brennen muss, in der ihnen ein bestimmtes Bild von Sexualität aus der Werbung und den Medien mit unvergleichlicher Aufdringlichkeit entgegenspringt. Warum zum Kuckuck ist Sex eigentlich für die Erwachsenen so ein Riesenthema? Die Fragen der Kinder heißen dann „Ist Sex so wichtig?“ oder „Was macht am Sex Spaß?“, aber auch „Warum geben die Menschen nicht zu, dass sie Sex gemacht haben?“ oder „Ist es peinlich, Sex zu haben?“. Man zeige sich beim Sex nun einmal oft von einer ungewohnten Seite, erklärt Katharina von der Gathen dann, und man habe sich nicht immer komplett unter Kontrolle: Das könne schon mal peinlich sein. Ihr Buch ist es an keiner Stelle. Und dazu, dass sich auch acht bis zehn Jahre alte Kinder unverkrampft mit diesem Thema befassen können, leistet es den schönsten Beitrag.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.