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Kirsten Reinhardts „Fennymores Reise“ : Dackel im Salzmantel

Bild: Carlsen

Eine Junge und sein Fahrrad auf der Suche einer Tante mit Vorliebe für gebackene Dackel: Mit „Fennymores Reise“ hat uns Kirsten Reinhardt ein ganz besonderes Geschnurztagsgeschenk gemacht.

          2 Min.

          Kinder und Jugendliche nehmen wörtlich: Es soll neunjährige Christinnen geben, die im Religionsunterricht vom Glauben abgefallen sind, weil der Lehrer ihnen zu erläutern versucht hat, dass die Schöpfungsgeschichte „nur im übertragenen Sinne wahr“ sei. Kirsten Reinhardt verspricht im Untertitel ihres übersichtlichen, zugleich aber auch mit reichlich Freistilausflügen ins Ungeheuerliche aufwartenden Romans „Fennymores Reise oder Wie man Dackel im Salzmantel macht“ ein gegen die hiesigen kulinarischen Gepflogenheiten und guten Sitten verstoßendes Rezept; das Versprechen wird schon auf Seite 13 eingelöst. „Metaphorisch gemeint“ oder „uneigentlich gedichtet“ ist auch sonst nichts, und dieser herzhaft weltzugewandte Zugang zur Sprache, bei dem Wörter und Sätze nie als Gelegenheiten missbraucht werden, sich mit dem Skurrilen und Schnurrigen um seiner selbst willen zu spreizen, bestimmt das ganze schöne Buch samt den Illustrationen von David Roberts.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Junge namens Fennymore Pause, der in einem Haus namens Bronks wohnt und ein lebendiges Fahrrad besitzt, das Monbijou heißt, sucht seine Dackel backende, mild misanthropische und außerdem verschwundene Tante. Verschwunden? Na gut: gestorben; aber man soll keine Haare spalten - wer nicht mehr da ist, fehlt jedenfalls und muss gegebenenfalls wiederbeschafft werden. Sucht man das eine, findet man was anderes, das einen wieder auf die nächste Suche schickt. So geht Erwachsenwerden.

          Es ist tatsächlich eine Reise

          Die Klötze, aus denen der manchmal steile Bau dieser Geschichte aufgetürmt ist, soll man nicht für Elemente einer etwa den Gewohnheiten der Fantasy blind gehorsamen Verfremdungsstrategie halten; Anspielungen und Hockunst mag suchen und finden, wer’s braucht (“Mon bijou“, war das nicht ein schönes Schlösschen? Hieß nicht ein Song von Queen „Bijou“? „Bronks“, ist das Lautmalerei?).

          Das Buch ist eben kein Versuch, den nächsten Harry Potter, Lemony Snicket, die nächste Chronik von Sowieso zu entwerfen oder ein fertig durchkartographiertes, nur auf seine computeranimierte Verfilmung, Comic-Adaption oder Freizeitparkisierung wartende Land hinterm Spiegel zu erschließen, sondern ein zauberhaftes Beispiel dafür, wie dezente, aber raffinierte Phantastik im Deutschen dem bei solchen Sachen hierzulande immer noch vorherrschenden herablassenden Niedlichkeitssound entgehen kann. Es erzählt unsentimental, ohne dabei in didaktischer Dürre zu versanden, und die dargebotene Geschichte ist tatsächlich eine Reise (oft wird das Reisemotiv ja als Ausrede für beliebiges Hintereinanderwegerzählen von Pointen missverstanden), weil sich Fennymores reisendes Gemüt dem Ungewöhnlichen, Ungehörigen, Unerwarteten aussetzt und davon verwandelt wird. Die Durchquerung des Erstaunlichen, der man beiwohnen darf, hat als oberstes Ergebnis nicht verminderte Lebenstauglichkeit (also Eskapismus), sondern vermehrte. Am allererfreulichsten bemerkbar macht sich das hochentwickelte Vermögen der Autorin, die vom Kinderbuchschema erzwungene sprachliche Schlichtheit als Gelegenheit zu nutzen, ihren Ton immer wieder unmerklich ins wie nebenher Verschrobene, Verrückte, Besondere hinüberwinken zu lassen.

          Sie quietscht nicht

          Die Namen klingen gut und tragen ohne Mühe ihren Sinn - Frau Plüsch, Doktor Uhrengut -, die Unsitte der auffälligen Verben fürs Reden (“lachte er jäh“, „schluchzte sie verzweifelt“) lässt Reinhardt zugunsten des vernünftigen „sagte“ bleiben, eine „Geschnurztagsunterraschung“ wünscht man sich sofort, wenn man das Wort bei ihr erstmals sieht, und ihre Figuren geben sich die nötige Mühe, selbst wenn sie keine Leute, sondern Apparate sind: „Monbijou wurde langsamer und versuchte, nicht so zu quietschen.“

          Kirsten Reinhardt quietscht nirgends. Sie singt, pfeift, summt und spricht mit Stimmen, die man öfter hören möchte.

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