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Kirsten Boies Jugendroman „Ringel, Rangel, Rose“ : Als Karin nicht mehr still sein wollte

Bild: Oetinger

In „Ringel, Rangel, Rosen“ setzt Kirsten Boie Hamburg unter Wasser. Die Flut fördert alte Schuld zutage. In drei Momentaufnahmen aus den frühen sechziger Jahren erzählt die Autorin vom Erwachsenwerden und den Traumata der Generationen.

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          Karin ist so glücklich in diesem Sommer 1961. Es stört sie nicht, dass Vati sie immer noch „Schietbüdel“ nennt und sie sich keinen Pony schneiden lassen darf. Jetzt, in den Ferien, ist viel Zeit zum Baden und Barfußgehen, die beste Freundin wohnt in der Behelfsheim-Siedlung an der Elbe gleich nebenan, und wenn Karin nur aufpasst, dass ihr Kinderbadeanzug nicht nass wird und anfängt zu schlottern, sieht sie in ihm schon fast aus wie eine Frau.

          In Berlin bauen sie eine Mauer, in Jerusalem machen sie einem Adolf Eichmann den Prozess, in Hamburg hat Karins Familie gerade ein Fernsehgerät bekommen und sieht das in den Nachrichten. Karins Neugier ist geweckt. „Alles hat immer mit diesem Hitler zu tun“, hat Kirsten Boie in „Monis Jahr“ geschrieben, in ihrem Jugendroman aus dem Jahr 2003, der einer Zehnjährigen durchs Hamburg des Jahres 1955 folgt. Sieben Jahre sind seitdem vergangen, von Buch zu Buch, genauso von Geschichte zu Geschichte, und in „Ringel, Rangel, Rosen“ will niemand mehr etwas mit diesem Hitler zu tun gehabt haben und erst recht nicht darüber sprechen: „Wer das nicht mitgemacht hat, der soll mal ganz still sein!“

          Ein kunstvoll koloriertes Zeitgemälde

          Ein halbes Jahr später, in einer Februarnacht 1962, kommt die Jahrhundertflut. Am Morgen wird Karin vom Dach gerettet, unterkühlt und mit der blauen Tasche für den Notfall bei sich, die Mutti im Schrank deponiert hat, weil sie im Krieg ja alles verloren hatte. Es ist diese Tasche, in der Karin das Fotoalbum findet, noch in der Notunterkunft beginnt sie zum Trost darin zu blättern, und sie stößt dabei auf Kriegsfotos, die ihren Vater nicht nur als „Iwans“ Opfer zeigen.

          Boies neuer Roman ist ein kunstvoll koloriertes Zeitgemälde und zugleich zeitlos in einem seiner großen Themen: In drei Momentaufnahmen – der sommerlichen Idylle, der winterlichen Katastrophe, dem Leben in einer Etagenwohnung im Sommer darauf – erzählt die Autorin, wie Karin Kindheit und Eltern entwächst, indem sie deren Grenzen erkennt und überschreitet. Wie Boie die Traumata der verschiedenen Generationen verkantet – den Weltkriegsdreiklang Verstrickung, Vertreibung und Verlust auf der einen, die Erfahrungen der Flut auf der anderen Seite –, ist so fein und unaufdringlich erzählt, dass man seine eigentliche Wucht kaum spürt.

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