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Kinderroman : Der Tempel am Strand

  • -Aktualisiert am

Bild: Boje Verlag

Emma muss für zwei Wochen zu ihren Verwandten an der Küste wohnen und begegnet einem sanften Onkel und einer irritierend bösartigen Tante. „Ein Dorf am Meer“ von Paula Fox ist ein Buch über den Abgrund, der mitunter zwischen der Welt der Kinder und der der Erwachsenen liegt.

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          Gerade hat sie den deutschen Jugendliteraturpreis für „Ein Bild von Ivan“ erhalten, aber auch der neue Roman „Ein Dorf am Meer“ ist preiswürdig: Paula Fox schreibt ihre nachdenklichen Geschichten für Erwachsene wie für Kinder in gleichbleibender Qualität. Dass sie jetzt in Amerika neu entdeckt und gleich den Klassikern zugeordnet wurde, nachdem es fast zwanzig Jahre still um sie geworden war, spricht für die Urteilsfähigkeit von Lesern und Kritikern, aber auch für die Beharrlichkeit der fast fünfundachtzig Jahre alten Autorin, die unbeirrt Buch auf Buch folgen ließ.

          Als Kind muss sie sich oft verloren gefühlt haben. Sie ist zwischen zwei Kulturen, der kubanischen und der amerikanischen, aufgewachsen. Von ihrer Mutter wurde sie in ein kalifornisches Kinderheim gegeben, bevor die Großmutter in Kuba sie bei sich aufnahm. Empfindsame Kinder, verletzlich und oft auch ängstlich, hat sie oft beschrieben.

          Man sollte, wenn möglich, Mitleid mit ihr haben

          Auch die zehn Jahre alte Emma ist so ein zartes Kind, das alle untergründigen Strömungen in menschlichen Beziehungen wahrnimmt und darunter leidet, wenn sie nicht harmonisch sind. Nur vierzehn Tage muss Emma bei den Verwandten in dem Holzhaus an der Peconic Bay verbringen, weil ihre Mutter ganz und gar für ihren gerade operierten Mann da sein möchte. Emma fühlt sich der irritierend bösartigen Tante ausgeliefert, sucht Schutz bei dem sanften Onkel, der sich bemüht, die Schäden, die seine Frau anrichtet, wiedergutzumachen. Ein echtes Ekel hat der Vater seine ältere Schwester Bea genannt und der Tochter geraten, ihr möglichst aus dem Weg zu gehen. Die Tante verbringt ihre Tage vor dem Fernsehschirm oder beim heimlichen Trinken. Zum Glück für Emma gibt es den Strand vor der Haustür und die gleichaltrige Bertie, mit der sie aus Fundstücken wie Muscheln, Glas und angeschwemmtem Holz ein Dorf baut, eine eigene Welt, in die sie sich zurückziehen kann und darüber fast vergisst, die Tage zu zählen, bis sie endlich von ihrer Mutter abgeholt wird.

          Der Onkel bewundert das kleine Kunstwerk, in dem es sogar eine Bibliothek und einen griechischen Tempel gibt. Aber offenbar ist diese aufrichtige Bewunderung schon zu viel für die Tante. Sie erwartet von ihrem Mann ungeteilte Aufmerksamkeit und Fürsorge. Eines Nachts zerstört sie das Dorf. Neid, versucht der Onkel zu erklären, sei wie Feuer aus der Hölle, Bea fühle sich hilflos und zu kurz gekommen, deshalb sage und tue sie so schreckliche Dinge. Schwer zu verstehen für eine Zehnjährige. Auch die Andeutung, längst vergangene Familienfehden hätten Bea zu diesem abstoßenden Menschen gemacht, hilft nicht weiter. Eher die von Bea heimlich ergänzte Notiz in Emmas Tagebuch: „Onkel Crispin ist richtig nett. Tante Bea ist ... eine traurige, böse alte Frau.“ Mit der man, wenn möglich, Mitleid haben sollte. Und nichts unterstreicht besser als dieser Tagebuchsatz, welcher Abgrund mitunter zwischen der Welt der Kinder und der der Erwachsenen liegt.

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