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John Boynes neuer Kinderroman : Mitschuldig werden ist nicht schwer

  • -Aktualisiert am

John Boyne: „Der Junge auf dem Berg“. Roman. Aus dem Englischen von Ilse Layer. Fischer KJB, Frankfurt 2017. 304 S., geb., 16,99 Euro. Ab 12 J. Bild: Fischer KJB

Zu Gast bei Hitler: John Boynes Roman „Der Junge auf dem Berg“ ist nicht nur eine Art literarischer Gegenschuss zum „Jungen im gestreiften Pyjama“, dem Welterfolg des irischen Schriftstellers aus dem Jahr 2006.

          Die Debatte, ob und wie die Ereignisse überhaupt darstellbar sein könnten, begann bereits während des Holocausts und ging nach 1945 bis in die unmittelbare Gegenwart weiter – in der Jugendliteratur zuletzt im Fall von John Boynes Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Während etwa Elie Wiesel in seinem berühmten Diktum jedem Roman über Auschwitz attestierte, entweder kein Roman zu sein oder nicht von Auschwitz zu handeln, war es Imre Kertész, der im „Galeerentagebuch“ formulierte, dass das Konzentrationslager nur als Literatur vorstellbar sei, nicht als Realität.

          Wenn auch diese Debatte nicht endgültig entschieden ist, so manifestierte sich doch in den letzten zwanzig Jahren ein deutlich vernehmbares Unbehagen gegen Fiktionalisierungen des Holocausts, und das vor allem bei Romanen von nachgeborenen Autoren. Die immer wieder geführte Diskussion, ob man „so“ über den Holocaust und die NS-Zeit erzählen „dürfe“, überdeckt freilich die Tatsache, dass fiktionales Erzählen letztlich anthropologisch notwendig ist: Der Mensch als „geschichtenerzählendes Tier“ (Graham Swift) braucht das Verkleinerungsglas der Fiktion, um seine Geschichte auch emotional zu begreifen. An dieser Stelle berühren sich Zeitzeugenbericht und Roman: Sie individualisieren Schicksale im Massenmord auf je eigene Weise und machen diesen so überhaupt erst fassbar.

          Die Zeitzeugenberichte werden deshalb als Textmonumente enorm wichtig bleiben, doch wir werden uns zwangsläufig ebenso von ihrer Erfahrungswelt entfernen. Unser Geschichtsverständnis bedarf deshalb immer auch der Aktualisierung durch Geschichten (und nicht nur durch neue Sachbücher), sonst wird es irgendwann bedeutungslos. Das zu verhindern ist die eigentliche Leistung des historischen Romans, gerade über den Holocaust. Wenn man einen solchen beurteilt, sollte man also lieber fragen, wie er sich seinem Gegenstand nähert und was genau er erzählen will, und nicht, ob er das überhaupt darf und ob er dabei die Ereignisse immer historisch adäquat abbildet.

          Wie leicht es doch ist, verdorben zu werden

          Bei John Boynes Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, dem Welterfolg aus dem Jahr 2006, kann man das exemplarisch zeigen: Liest man ihn (zumal in der Schule) als einen Roman, der die Ereignisgeschichte des Holocausts vermittelt, gar als Text über das reale Auschwitz, ist er tatsächlich in jeder Hinsicht unangemessen: Er enthält historische Fehler und Ungenauigkeiten und bietet zudem eine hochproblematische poetische Gerechtigkeit. Doch der Roman wird von Anfang an als Fabel, als Gleichnis präsentiert und handelt letztlich davon, warum man die vielen Zäune, die zwischen Menschen errichtet werden, überwinden muss. Die Erzählung vermag damit für Kinder und Jugendliche sicher nicht zu erklären, was das historische Auschwitz war, kann aber eine moralische Frage illustrieren, die sich nicht zuletzt aus den historischen Ereignissen ergibt und noch immer stellt, vielleicht dringlicher denn je.

          Boynes neuer Roman „Der Junge auf dem Berg“, der bereits 2015 auf Englisch erschien und nun auch auf Deutsch angeboten wird, ist nicht nur eine Art literarischer Gegenschuss zum „Jungen im gestreiften Pyjama“, sondern wird gleich in mehrfacher Hinsicht explizit mit seinem Vorgänger verbunden. Das beginnt auf paratextueller Ebene: Habe er im ersten Roman noch der Hoffnung Ausdruck verliehen, Hass, Vorurteile und Diskriminierung seien primär Erscheinungen der Vergangenheit, hätten ihn die aktuellen Ereignisse eines Besseren belehrt, schreibt der Autor im Vorwort. Deshalb erzähle er ein weiteres Mal von dieser Zeit und davon, „wie leicht es doch ist, verdorben zu werden, sich mitschuldig zu machen, dem Bösen tatenlos zuzusehen“.

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