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Rüdiger Bertram, Heribert Schulmeyer: „Plötzlich 1 Million Follower“. Edel Kids Books, Hamburg 2021. 256 S., geb., 12,99 €. Ab 10 J. Bild: Edel Kids Books

Kinderbuch von Rüdiger Bertram : Der Einäugige unter den Idiotenkaisern

In „Plötzlich 1 Million Follower“ erzählt Rüdiger Bertram im Gespann mit dem Illustrator, Comicautor und Karikaturisten Heribert Schulmeyer von Türen, Liebe und Internet und findet im Paralelluniversum unsere Influencer-Gegenwart.

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          Mensch, Leo. Nichts gelernt aus Band eins „Plötzlich Millionär“. Da hat Leo festgestellt, dass Türen öffnen oder vielmehr Türklinken selbst herunterdrücken ihn in erstaunliche Situationen bringen kann. Mal passiert rein gar nichts. Dann wieder gerät er in ein Paralleluniversum, reist durch Raum und Zeit, wird Sklave im alten Ägypten, Schüler um die Jahrhundertwende oder eben Millionär in einer Villa.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Rüdiger Bertram, erfolgreicher Kinder- und Jugendbuchautor und Verfasser zahlreicher Serien, wie sie bei Publikum und Verlagen gleichermaßen beliebt sind, hat viele davon im Gespann mit dem Illustrator, Comicautor und Karikaturisten Heribert Schulmeyer produziert, mit dem zusammen er auch für die „Plötzlich“-Serie zu „Bertram & Schulmeyer“ wird. Ein Markenzeichen, das oft auf die dank vieler Bestseller international beliebte Erzählform, Text und Comics zu mischen, zurückgreift. Von der Aufmachung her passt das.

          In Band zwei nun, „Plötzlich 1 Million Follower“, wird Leo, angehender Jugendlicher, dank Türöffnens zwar erst beinahe von einem Eisbären gefressen, aber dann ein Influencer, der mit völlig idiotischen Clips und Mutproben wie einem Kältebad in der Pizzatruhe des Supermarkts andere Kinder und junge Jugendliche zu Followern und Epigonen macht, die auch den größten Mist noch bejubeln. Folgerichtig heißt Leo im Paralleluniversum, in das er gerät, zwar einerseits auch Leo und ist ein ziemlich doofer Zeitgenosse. Als „Idiotenkaiser“ aber ist er ein Star im Internet – ohne dass seine Eltern etwas davon ahnen. Weil aber der türengeplagte echte Leo in dieser Karikatur steckt, bemüht er sich nach Kräften, dem Guten zum Sieg zu verhelfen, in jeder Hinsicht.

          Dafür tut er sich mit jenem Mädchen zusammen, das als #Weltenretterin im Netz seine erklärte Gegnerin war. Warum sie einen Hashtag vor ihrem Namen herträgt, ist nicht klar, warum sie sich so nennt, schon: Sie hat von ihren Eltern den Vornamen Mara-Klarissa abgekriegt. Ein übler Geschäftsmann hat Idiotenkaiser, Weltenretterin und sämtliche anderen Influencer-Kinder, Chantalhighfive, Super-Hyper und Beauty Angel und wie sie so heißen, mit falschen Versprechungen in ein Gefängnis gelockt, um ihre Werbeeinnahmen zu kassieren. Der arg beschränkte Horizont der anderen „Superinfluencer“ allerdings macht es nötig, dass Idiotenkaiser und Weltenretterin das Heft in die Hand nehmen.

          Diese Ironie, die mit Händen zu greifen ist, fortgesetzt in den Bildern Schulmeyers, und ansonsten eine Sprache, die keine Angst vor Phrasen hat, macht aus „Plötzlich 1 Million Follower“ eins jener vielen Produkte, die jene Szenen zwischen Peinlichkeit und brüllender Lustigkeit vorhalten, die Kinder lieben. Die Leser unter ihnen unterscheiden schon früh sehr klug zwischen dem, was man halt mal so wegliest, und dem, was nachhallt.

          Für sie muss man nicht bedauern, dass Klischees, ein so ostentativ „diverser“ Freund namens Masud, im Paralleluniversum Salah, und allerhand anderes von der Stange diesen „Plötzlich“-Band prägen. Dazu kommt der Türeneffekt, dessen fantastischen Reiz Bertram ­maximal ausnutzt. Der Verlag, bei dem „Plötzlich“ im vergangenen Jahr begonnen hat, ist Teil eines Anbieters von „Kinderunterhaltung“. Das ist auch dieser Band – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

          Rüdiger Bertram, Heribert Schulmeyer: „Plötzlich 1 Million Follower“. Edel Kids Books, Hamburg 2021. 256 S., geb., 12,99 €. Ab 10 J.

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