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Anne Freytag: „Das Gegenteil von Hasen“. Roman. Heyne Verlag, München 2020. 416 S., geb., 17,– €. Ab 14 J. Bild: Heyne Verlag

Jugendroman von Anne Freytag : Das süße Miststück

  • -Aktualisiert am

Wer machte Julias schonungslose Mitschülerbeobachtungen frei zugänglich? In ihrem Jugendroman „Das Gegenteil von Hasen“ erzählt Anne Freytag von Mobbing und lüftet das Blog-Geheimnis.

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          „Alles, was anders ist, macht anderen Angst. Und Angst macht etwas mit Menschen.“ Anne Freytags raffiniert komponiertes Buch über Mobbing im Schulalltag kreist um ein von unbekannter Hand öffentlich gestelltes privates Internetblog. Dort schrieb die beliebte, doch unter oberflächlichen Freundschaften und Liebesentzug leidende Heldin Julia schonungslose Mitschülerbeobachtungen nieder. Die Einträge sind hart und ehrlich, sie hinterlassen ein „Gefühl wie Einschusslöcher“. Das Buch erzählt nun die fünf schlimmsten Tage in Julias Leben, seit ihr geheimes Tagebuch viral ging. Andere Protagonisten sind Julias – mit Veröffentlichung heikler Details verlorener – Freund Leonard als sensibler Frauenheld und seine stets im Zentrum stehende Zwillingsschwester Marlene, welche ihre Hautkrankheit und die Fassade ihrer Familie aus gutem Hause mit Schminke kaschiert, der intellektuelle, heimlich in Julia verliebte Edgar und dessen bisexuelle Ex-Freundin Linda, die von Marlene und Julia wegen ihrer Körperfülle gemobbt wurde.

          Das Buch über Liebe und Lästern analog und mit Mitteln des Digitalzeitalters verschränkt diverse Mobbingerfahrungen, meidet aber Moralisierung oder Schuldzuweisungen. Selbst die um Aufklärung bemühte Rektorin erlebte in der Jugend Mobbing und ist emotional involviert. Julia, die Passwörter und sensible Inhalte nicht schützte, handelte fahrlässig, ist Opfer wie Täterin, Jägerin und Gemobbte. Drastisch schildert Freytag ihr Spießrutenlaufen als „Miststück mit dem süßen Gesicht“ am Tag der Herausgabe ihres Blogs als ungefiltertes Ich.

          Im Perspektivwechsel der Schüler, Eltern, Rektorin und Protokolle werden Verdächtige wie Edgar, Linda und Marlene und Motive wie Rache und Eifersucht bis zum überraschenden Ende ausgelotet. Das Buch erörtert die Psychologie von Mobbing und Opfer werden als impliziten Vertrag. Es schildert die Zermürbungstaktik adoleszenter Identität, wenn die Mutter der molligen Linda den Eindruck gewinnt, „als würde jeden Tag etwas weniger von ihr nach Hause kommen“. Aus Narzissmus und Unsicherheit gehen die vermeintlich Beliebten auf „die los, die sie lassen“, und sich in ihrem Dunstkreis und „Spucknebel“ bewegen.

          Ein ungeschminktes Facetime-Gespräch

          Mobbing ist emotionale Gewalttätigkeit Abweichlern gegenüber, sei es in puncto Gewicht, sexueller Orientierung oder Augenform. Es ist Hackordnung und destruktive Schwarmintelligenz, wenn „Individuen zu einem Mob werden und im Kollektiv vergessen, wer sie sind“. Freytag beschwört die Gefahren von Internet, sozialen Medien und ihrem entgrenzten Raum als Superspreader von Hass, Wahrheit und Willkür. So entwirft die Autorin einen in die digitale Zeit übersetzten „Traum in Schwarzweiß über Trümmerfrauen und Zerstörung“. Als Folge der vernetzten Welt mutieren Menschen zu Avataren und Figuren auf einem riesigen Spielbrett mit allen Chancen und Risiken: „Jeder von uns ist in der Geschichte eines anderen der Böse.“

          Im filmähnlichen Finale gerät die Crux, die Wahrheit zu sagen, doch noch zum Segen. Julia fährt mit Edgar, den sie im Blog geschlechtslos nannte und doch attraktiv fand, als „wäre mein Verstand von ihm erregt“, im Münchner Linienverkehr und küsst ihn unaufhörlich. Momo lernt, dass es „keine Mitte zwischen Outing und Geheimnis“ gibt. Und Marlenes heimliche Liebe Tom, der erst im Blog davon erfuhr, meldet sich bei ihr und lernt sie beim ungeschminkten Facetime-Gespräch samt Narben zu lieben.

          Eine ausgesprochene Sympathie

          Der von zuletzt unerwarteter Seite öffentlich gestellte, ebenso destruktive wie reinigende Blog ist Lügendetektor des Systems im Zerrspiegel von Gut und Böse. Julia, die sich als „glaubwürdige Lüge mit großen braunen Augen“ beschreibt, verlässt virtuell und real ihr „Nest aus falscher Nettigkeit“ und Schattendasein als Mitläuferin.

          Anne Freytag ist mit ihrem ebenso präzisen wie empathischen Stil am Jugendbuchfirmament ein außergewöhnliches Talent. Sie übt nachhaltig Kritik an Mittelmaß, „Crowd-pleasern“, Abziehbildern, Normdenken, Geschlechterstereotypen. Der (Angst-)Hase ist ein Leitmotiv in Freytags Roman. Ihre ausgesprochene Sympathie gilt aber den Wölfen unter den Hasen.

          Anne Freytag: „Das Gegenteil von Hasen“. Roman. Heyne Verlag, München 2020. 416 S., geb., 17,– €. Ab 14 J.

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