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Michael Sieben: „Das Jahr in der Box“. Roman. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 256 S., geb., 16,– €. Ab 14 J. Bild: Carlsen Verlag

Jugendroman von Michael Sieben : Wer ist Mehmet?

Ein Messer, Kinokarten, Kondome, ein Handy mit gesplittertem Display: In seinem Jugendroman „Das Jahr in der Box“ lässt Michael Sieben traumatische Mobbing-Erinnerungen Revue passieren.

          2 Min.

          Der Anfang könnte nicht desaströser sein: Der sechzehnjährige Paul, aus Berlin in die Kleinstadt Wicker gezogen, wo jeder jeden kennt, stellt sich seinen neuen Mitschülern vor und bringt dabei unabsichtlich den Klassenanführer Wieland gegen sich auf, den Sohn des Brauereibesitzers und Stadtmäzens. Dass Paul sogar neben Wieland sitzen muss, macht die Sache nicht besser, und der starke, gutaussehende und betuchte Platzhirsch mobbt Paul nun nach allen Regeln der Kunst. So verbreitet er ein Amateurvideo, das eine Prostituierte und ihren Freier beim Sex zeigt – der Mann hat entfernte Ähnlichkeit mit Paul, dem Wieland deshalb den von der Klasse begeistert aufgegriffenen Spitznamen „Porno-Paul“ verpasst. Der Neue wird bedroht und verprügelt, im Klassenzimmer mit Kondomen beworfen und dreist bestohlen. Widerstand leistet Paul nur halbherzig und bald überhaupt nicht mehr.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          All das liegt auf der ersten Seite des Romans schon fast ein Jahr zurück, und auch dieser zweite Anfang – der des Buches – auf der Gegenwartsebene der Handlung ist trist. Pauls Mutter, die ihrem Sohn nach der Trennung der Eltern schon einige Umzüge zugemutet hatte, belädt gerade den gemieteten Transporter mit Kisten und Möbeln, weil ein weiterer Umzug ansteht – er führt die beiden aus dem ererbten alten Haus mit großzügigem Garten in eine Wohnung im Neubaugebiet. Paul aber sitzt allein in seinem alten Zimmer und hält eine Holzkiste in der Hand, die dem Roman „Das Jahr in der Box“ den Titel gibt. Darin sind Erinnerungsstücke, die Paul in die Hand nimmt, eines nach dem anderen, und sich die vergangenen Monate in Erinnerung ruft.

          Die Box erscheint hier als ein Weg, der Geschichte über die Gegenstände eine erzählerische Struktur zu verleihen und dient zugleich – wie Paul referiert – als Metapher für das aktive Verdrängen und Wiederzulassen von traumatischen Erinnerungen. Das Verfahren ist nicht ohne Vorbilder auch in der Jugendliteratur: Wie man dies mit leichter Hand einsetzt, zeigt etwa Daniel Handler in seinem Roman „43 Gründe, warum es aus ist“. Dass Paul in dem etwa durch ein Messer, Kinokarten, Kondome, ein Handy mit gesplittertem Display oder eine geerbte Sonnenbrille repräsentierten Jahr viel Schweres mitgemacht hat, wird rasch deutlich und ebenso, dass dabei die Grunderfahrung, wie vollständig unfair es im schulischen Umfeld der Kleinstadt zugeht, Paul eine Zeitlang am meisten zusetzt, bis eine noch größere Katastrophe alles in den Schatten stellt.

          Man muss sich nicht genau kennen, um sich sehr zu mögen

          Der Autor Michael Sieben, 2016 bekannt geworden mit dem Jugendroman „Ponderosa“, zeigt aber auch Wege auf, der Misere zu entkommen, wenigstens für Paul. Er schließt sich zwei anderen Schülern an, die ebenfalls in der Hackordnung der Klasse ganz unten stehen: dem dicken Mehmet, Meister im Computerspiel und heftig verliebt in die Schulschönheit Kat, die unglücklicherweise die Schwester des fiesen Wieland ist, und dem kleingewachsenen Ken, der mit sechzehn aussieht wie zwölf und doch, wenn es darauf ankommt, seine Interessen mit der Konsequenz eines Fremdenlegionärs wahrt.

          Auch das kennt man aus Jugendromanen, gerade aus Mobbing-Büchern. Trotzdem ragt Siebers Roman heraus, nicht nur durch die sensible Figurenzeichnung, die, weil sie einzig aus Pauls Perspektive geschieht, notwendig subjektiv, ja defizitär ist, was der Roman auch herausstellt. Dass der Autor seine Figur Paul auch noch Superheldengeschichten schreiben lässt, unterstreicht noch die Aufforderung an den Leser, dem Erzählten gegenüber wachsam zu sein. Das gilt für die Freundschaft der drei Außenseiter ebenso wie für die Liebesbeziehung Pauls zur selbstbewussten Mara. Der Respekt, den der in die Kleinstadtverhältnisse verstrickte Erzähler seinen Freunden zollt, teilt sich deutlich mit, aber auch, wie groß die Leerstellen in diesen Beschreibungen sind, die Paul nicht ausfüllen kann.

          Dies gilt vor allem für Mehmet, die sympathischste Gestalt des Buches und zugleich die rätselhafteste. Man muss sich nicht genau kennen, um sich sehr zu mögen, so könnte man das deuten, es genügt, dass man sich aufeinander einlässt. Nicht einfach, derlei literarisch zu gestalten und dabei die Klippen Sprödigkeit und Kitsch zu umschiffen. Dass es hier gelingt, macht die Klasse des Romans aus.

          Michael Sieben: „Das Jahr in der Box“. Roman. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 256 S., geb., 16,– €. Ab 14 J.

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