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Kinderbuch aus der DDR : Kann man Achtjährigen den Holocaust zumuten?

1942 wurde das Jüdische Kinderheim in der Berliner Vorstadt Niederschönhausen geschlossen. „Markus und der Golem“ versucht, die Tage vor der Deportation zu imaginieren Bild: Jörn Bohlmann

1987 erschien in der DDR die Erzählung „Markus und der Golem“ über die Deportation jüdischer Kinder. Das jetzt neu aufgelegte Buch wendet sich an sehr junge Leser. Können sie es begreifen?

          Niederschönhausen ist eine Berliner Vorstadt mit stillen Straßen, Reihenhäusern und großzügigen Stadtvillen, ein beschaulicher Ort trotz einiger durchaus großstädtischer Magistralen. Am Ende einer der stillen Straßen stehen einige Häuser, in denen heute ein Kinderhospiz untergebracht ist. Doch früher, von 1915 an, war dieser Ort ein jüdisches Säuglings- und Kinderheim, für Waisen und die Kinder sehr armer Leute, das in der Nazizeit auch zum Fluchtpunkt für die Kinder verfolgter Juden wurde.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Einige wenige konnten durch Adoption ins sichere Ausland gerettet werden, die anderen blieben bis 1942, immer hochgefährdet und bedrängt. Dann wurde das Heim geräumt und die Kinder wenig später gemeinsam mit ihren Pflegerinnen deportiert. Eine Gedenktafel erinnert seit dem vergangenen Jahr an diese Tragödie und die ermordeten Kinder.

          Fünfzig Seiten, illustriert mit Kinderzeichnungen

          Nach dem Krieg, nun im sowjetischen Teil Berlins gelegen, hatte die Jüdische Gemeinde dort wieder ein Kinder- und Altenheim eingerichtet; es war für viele Überlebende der erste sichere Ort nach der Befreiung. Der Wiederaufbau, heißt es in einem Ausstellungstext der Gedenkstätte Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin-Mitte, sei mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen. Der wunderbare Bürstenfabrikant Otto Weidt, der so vielen bedrohten Juden geholfen hatte, gehörte zu den ersten Mäzenen des Niederschönhausener Heims nach dem Krieg; amerikanische Hilfsorganisationen und das Schweizer Rote Kreuz versorgten es mit Lebensmitteln.

          Doch die Vision des Heimleiters und Pädagogen Siegfried Baruch vom sicheren, freien Schutzort für entwurzelte Kinder ließ sich kaum verwirklichen. In der Gedenkstätte ist zu lesen, er sei mit den Kindern 1953 vor den „antisemitischen Tendenzen im Zuge der Stalinisierung der DDR“ in den Westen geflohen. Die Ortschronik „Jüdisches in Pankow“ (dazu gehört Niederschönhausen) wiederum berichtet nur nebulös, Baruch sei 1953 umgezogen. Was auf letzte Reste verschiedener Perspektiven auf das Verhältnis der DDR zu jüdischer Selbstbestimmung deutet.

          Jetzt ist ein Buch über dieses Kinderheim wieder erschienen, keine Dokumentation, sondern eine märchenhafte Erzählung, in die historisch einigermaßen belegte, zuweilen auch ungenaue Fakten zur Judenverfolgung eingewoben sind. „Markus und der Golem“, ursprünglich 1987 im DDR-Verlag Junge Welt publiziert, ist nur knapp fünfzig Seiten lang, jedes Kapitel ist neben dem Titel mit einem Datum versehen. Illustriert ist der Text mit Kinderzeichnungen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, die heute im Jüdischen Museum Prag bewahrt werden.

          Mörderische Katastrophe in „kindgemäßer Sprache“?

          Der Schriftsteller Bodo Schulenburg erzählt seine Geschichte über die letzten Tage der Heimkinder vor der Deportation aus der Sicht eines etwa Siebenjährigen für achtjährige Leser. Leise und behutsam breitet Schulenburg anfangs die Traumwelt des kleinen Markus aus, der aus seinem ersten, verlorenen glücklichen Kinderleben nur eine Kunstpostkarte mit dem „Papageienmann“ von Max Liebermann gerettet hat. Der Vater hatte sie ihm nach einem Zoobesuch geschenkt. Dieser Papageienmann ist sein „Golem“, sein starker Beschützer mit Zauberkraft in den Stunden existentieller Angst und Verzweiflung.

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