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Kinderbuch aus der DDR : Kann man Achtjährigen den Holocaust zumuten?

„Markus und der Golem“ von Bodo Schulenburg ist jetzt als Neuauflage im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin erschienen.

Bodo Schulenburgs Golem-Erzählung folgt dem traditionellen Muster, mit grausamen Wahrheiten zu überwältigen, durchaus auch noch. Seine Intention aber war wohl vor allem, über die aus der öffentlichen Wahrnehmung fast verschwundenen jüdischen Traditionen endlich aufzuklären, genauso wie über die antijüdischen Verordnungen, die keineswegs Allgemeinwissen zu DDR-Zeiten waren. Genauso wenig, wie damals öffentlich über die persönliche Verstrickung von Vätern und Müttern in den NS-Alltag gestritten wurde.

Wiederentdeckt hat Bodo Schulenburgs Erzählung die Kölner Medienwissenschaftlerin Gabriele von Glasenapp, die das Werk in einem Nachwort gleich als einzigartig feiert. Doch es hat seine Tücken, wenn Erwachsene die Kinderperspektive einnehmen, um Unfassbares zu erzählen - allzu gute Absichten misslingen bekanntlich meist. Befremdlich, fast anmaßend wirkt das Lob der Wissenschaftlerin für Schulenburgs „offenen Schluss“, der den Lesern „alle Optionen“ eröffne, nämlich auch die, dass Markus ja überlebt haben könnte. Und wenn nicht?

Exemplarisch für Schoa-Rezeption in der späten DDR

Auch behauptet sie einen „radikalen kulturpolitischen Wechsel“ in der DDR während ihrer späten Jahre, der eine solche Publikation möglich gemacht habe. Das ist zu hochgetönt. Es stimmt, dass damals endlich auch die Schoa im Gedenkkanon eine Rolle zu spielen begann. Dass neue Überzeugungen sich sogleich „manifestierten“, ist schwer übertrieben. Die Wissenschaftlerin aus Köln glaubt an die Kraft der Erinnerung von kleinsten Kinderbeinen an, obwohl heute allenfalls noch Urgroßeltern sich ans „Dritte Reich“ erinnern könnten - für alle nachfolgenden Generationen kann es nur um Aufklärung und Gedenken gehen. Die Gefahr einer fragwürdigen Typisierung jüdischer Figuren durch Fiktionalisierung des Massenmordes sieht Gabriele von Glasenapp nicht.

In der heutigen Geschichtsdidaktik werden, um über den nationalsozialistischen Rassenwahn aufzuklären, Werke wie diese Erzählung nicht empfohlen. Was nicht heißen soll, dass Jugendliche, zumal wenn sie gute Lehrer haben, nicht etwa so großartige Romane wie Israel Joschua Singers „Familie Karnovski“ oder Judith Kerrs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und natürlich das „Tagebuch der Anne Frank“ läsen. Aber in diese Liga gehört „Markus und der Golem“ nicht. Außerdem sind diese Leser wesentlich älter - und damit reflektierter - als die sehr junge Leserschaft, die der Verlag Hentrich & Hentrich für „Markus und der Golem“ empfiehlt.

Für Schüler der achten bis zehnten Klassen bieten heute die Gedenkstätten oder Bildungsinstitute wie das Berliner Anne-Frank-Zentrum exzellent aufbereitete biographische Dokumente Überlebender oder aus dem Exil für sinnvolles historisches Lernen an. Gegen die freie Fiktionalisierung, die sich unscharf mit Historischem mischt, diskutiert die Fachwissenschaft seit Jahren an, mit mehr, oft aber minderem Erfolg.

Wie im Fall des immer wieder von Wissenschaftlern wegen seiner vielen Klischees und krassen Fehler hart kritisierten, aber bei vielen Lehrern, weil so gut gemeint, sehr beliebten Romans „Damals war es Friedrich“ von Hans Peter Richter (das Buch erreichte trotz allem bereits mehr als sechzig Auflagen). In der modernen Geschichtsdidaktik wird es nur noch als Beispiel für die Rezeption der Schoa in den sechziger Jahren empfohlen. Bodo Schulenburgs Kindererzählung könnte in diesem Sinne für die Schoa-Rezeption in der späten DDR stehen.

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