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Kinderbuch aus der DDR : Kann man Achtjährigen den Holocaust zumuten?

In Rückblenden und als erlebte Gegenwart aber sind immer wieder grausame Erlebnisse der Kinder eingefügt, Fakten in der Fiktion, mit nicht einfühlsamen Männern aus dem brutalen anonymen Kollektiv der „Faschisten“, einem grausamen Lehrer, der die Juden in der Mathestunde wegrechnet, indem er sie einsperren lässt, bis alle Kinder rufen: „Gar keine mehr!“, und der Markus aus der Schule wirft. Das ist alles geschehen und in guter (und schlechter) Jugendliteratur beschrieben. Auch solche Sätze sind vorstellbar wie der eines kleinen Mädchens kurz vor dem Transport ins KZ: „Meinen Hampelmann nehme ich nicht mit, was nutzt er mir. Ich gehe doch bald tot, und wer spielt dann damit?“

Liebermanns „Papageienmann“ wird der Golem des verängstigten Kindes.

Nur richtet sich die Erzählung und damit auch dieser Satz an noch sehr kleine Kinder, über deren Welterkenntnis und Begriffsvermögen er weit hinausreichen dürfte. Auch in der Beschreibung des letzten Weges der Kinder - den Markus nicht mitgeht, nur beobachtet, weil er versteckt werden konnte auf der Veranda des Kinderheimes - ist Schulenburgs Bemühen um eine „kindgemäße“ Sprache für eine mörderische Katastrophe zu spüren - falls es die für unter Zwölfjährige überhaupt gibt! Und wie verarbeitet ein heutiges Kind diese raschen Wechsel vom beschützenden Golem und den schönen Kinderliedern (wie bei Janusz Korczak) zu Markus’ Tatsachenmitteilungen? Zum Beispiel diese: „Es geht den Faschisten nicht schnell genug. Sie werfen die Babys einfach in das Dunkel des Wagens.“

Fragwürdige Art der Aufklärung

Es geht nicht um den Zweifel daran, dass es genau so oder doch anders gewesen sein könnte. Es geht um den Zweifel an der Sinnhaftigkeit so früher Unterweisungen. Denn es wird nicht klar, welches Ziel diese Erzählung mit ihrer Mischung aus behutsamer Träumerei und grausam harten Fakten verfolgt. Aufklärung über den Judenmord? Dazu dürfte die Zielgruppe einfach zu jung, zu klein sein.

Es erinnert mich an die zu DDR-Zeiten durchaus häufige Unterweisung in harter, entpersonifizierter Antifaschisten-Moral, die auch bei sehr jungen Kindern vor keinem noch so brutalen Detail zurückschreckte. Eher selten kamen in diesem schwarzpädagogischen Einüben der richtigen Haltung zum Naziterror und der Unhinterfragbarkeit kommunistischen Heldentums die verfolgten Juden vor. Oder, so geschehen meinem kleinen, damals nicht mal sieben Jahre alten Sohn in den achtziger Jahren: Sie wurden ganz genau unterrichtet, wie es jüdischen Kindern in den Gaskammern von Auschwitz erging.

Auch damals war man um eine vermeintlich kindgemäße Sprache bemüht, was alles noch viel schlimmer machte. Kinder wie mein Sohn, die nicht begriffen, was Nationalsozialisten sind, aber sich entsetzten wegen der bösen Menschen, die Kinder erstickten unter Duschen, litten lange unter schrecklichen Albträumen. Die Schule, mit Elternempörung darüber konfrontiert, winkte ab. So was lege sich wieder.

Voreiliges Lob

Die Psychotherapeutin Annette Simon hat diese fragwürdige Überwältigungspädagogik im Sinne der nachfaschistischen Moral, wie sie es nennt, vor Jahren in einem klugen Essay analysiert („Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären“, 1995) und aufgezeigt, wie dieser abverlangte moralische Rigorismus, zu dem auch gehörte, dass die Erben des Bösen nur im Westen weitermachten, mit der Realität kollidierte. In ihrem Fall führte es zu zivilem Ungehorsam im besten Sinne. In anderen Fällen bestenfalls zu höflichem Desinteresse ohne Empathie - und im schlimmen Fall zu wütender Ungläubigkeit, die sich in rechtsradikalen, auch antisemitischen Ressentiments entlud.

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