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John Greens neuer Jugendroman : Bin ich etwa eine Fiktion?

John Green: „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“. Roman. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Verlag, München 2017. 288 S., geb., 20,– Euro. Ab 12 J. Bild: Hanser Verlag

Gut gemeint: In seinem neuen Roman „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ erzählt John Green von einem Mädchen, das an Angststörungen leidet.

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          Sie haben sich jahrelang kaum gesehen und nicht gesprochen, die beiden Teenager aus Indianapolis, und obwohl sie schon in sozialer Hinsicht einiges trennt – sein Vater ist superreich, ihre Mutter ist alleinerziehende Lehrerin –, springt beim Wiedersehen sofort der Funke über. Auch ein Gesprächsthema ist schnell gefunden: Es geht darum, wer man selbst ist und ob es so etwas wie eine konsistente Identität eigentlich geben kann: „Du bist nicht dein Geld“, sagt Aza zum reichen Davis, und der antwortet: „Was bin ich dann? Was sind wir alle?“ Aza wiederum meint: „ICH ist das Wort, das am schwersten zu definieren ist“, und Davis’ Antwort möchte man kongenial nennen: „Vielleicht ist man das, was man nicht nicht sein kann.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie Teenager eben so diskutieren, wenn sie unter sich sind, wenigstens im Roman „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green. Der amerikanische Autor, der eine Reihe von gefeierten und bestens verkauften Büchern veröffentlicht hat, allen voran „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, und der in den sozialen Medien eine riesige Anhängerschaft besitzt, ließ diese fünf Jahre lang auf ein neues Werk warten. In dessen Zentrum steht nun als Erzählerin das Mädchen Aza Holmes, das an einer Angststörung leidet und deswegen seit Jahren in Behandlung ist – sie gruselt sich vor den Bakterien in ihrem Körper, besonders seit sie gelesen hat, wie diese unsere Entscheidungen beeinflussen können, und stellt sich die Frage, ob sie selbst nicht „eine Fiktion“ sei. Ihre beste Freundin, die leichtlebige Daisy, quält sich nicht lange damit herum, sondern benutzt Aza als Vorlage für eine besonders tolpatschige Figur ihres Star-Wars-Fanfiction-Projekts um den affenartigen Chewie – ein Mensch sei er natürlich nicht, aber vielleicht doch eine Person?

          Die Handlung kommt in Gang, als Davis’ Vater, dem krumme Geschäfte vorgeworfen werden, verschwindet und seine beiden Söhne in der Luxusvilla mit Pool allein zurücklässt. Zufällig erinnert sich Aza an eine automatische Kamera auf dem Gelände, die ebenso zufällig eine Aufnahme des flüchtenden Vaters gemacht hat, von der die Polizei nichts weiß. Es kommt zum erneuerten Kontakt mit Davis, der schließlich das Schweigen der Mädchen mit hunderttausend Dollar bezahlt, was Aza gar nicht recht ist, schließlich hat sie sich in Davis verliebt und lässt sich von ihm küssen, als er nachts unter dem Sternenhimmel ein eigenes Gedicht vorträgt. Dann aber erweist sich ihre Bakterienfurcht als massives Hindernis für die Liebenden.

          Weisheiten, die wie Kalendersprüche klingen

          „Sein bisher persönlichstes Werk“, so bewirbt der deutsche Verlag John Greens Buch, und der Autor selbst schreibt im Nachwort, wie Ärzte ihm halfen, während er an psychischen Problemen litt, und allen, denen es so gehe wie ihm, rät er dazu, fachliche Hilfe aufzusuchen. Wie segensreich sich das auswirken kann, zeigt Green ebenfalls, denn auch wenn Aza nicht geheilt wird, sind die Gespräche mit ihrer Therapeutin eine Grundlage dafür, dass es ihr oft besser geht. Auch ihre Medikamente spielen dabei eine Rolle. Es fehlt dem Roman auch nicht an der einen, klassischen Wendung, die dabei gern bemüht wird: Aza gesteht sich und den anderen ein, dass sie „ein Problem“ hat. „Ein ernstes Problem.“

          Was über diesem Anliegen aber auf der Strecke bleibt, das ist die glaubhafte Romanhandlung mit echten Charakteren jenseits von Aza. Jeder von ihnen, ob nun die Mutter (besorgt – und daher Teil des Problems), die Freundin Daisy, der Freund Davis oder dessen zutraulicher kleiner Bruder, besitzen eine Funktion für Aza und bevölkern, wie es scheint, exakt deshalb diesen Roman. Schwerer noch wiegt, dass sich die Tendenz in Greens Schreiben, Teenager mit schweren Schicksalen vorzugsweise ebenso tapfere wie griffige Sätze in den Mund zu legen (was schon das Vergnügen an „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ empfindlich trübte), hier verfestigt hat, ergänzt allerdings durch Weisheiten, die wie Kalendersprüche klingen: „In die Augen kann man jedem sehen. Aber jemand zu finden, der dieselbe Welt sieht, ist ziemlich selten“, weiß Aza, oder: „Das wahre Grauen ist nicht, Angst zu haben, es ist, keine andere Wahl zu haben.“ Und am Ende ist dann auch die Frage nach der Identität beantwortet: „Du bist gleichzeitig das Feuer und das Wasser, das es löscht. Du bist der Erzähler, der Held und die Nebenfigur. Du bist der Autor und die Geschichte. Du bist jemandes irgendwas, aber du bist auch du.“ Der Roman aber liest sich bisweilen, als ob der Autor, der einst die Ausbildung zum Pastor abbrach, deshalb mit dem Predigen noch lange nicht Schluss gemacht hat.

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