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Ballettkrimi von Odette Joyeux : Tanz auf den Dächern

Bis heute ein Traum: Myriam Ould-Braham Lieu im Februar 2018 in einer Szene aus John Crankos Choreographie „Oneguine“ an der Pariser Opéra Garnier Bild: Laurent Paillier / Le Pictorium/MAXPPP/dpa

In den Siebzigern lief „L’age heureux“ auch im deutschen Fernsehen. Jetzt ist die Geschichte um den Mythos Paris, den Mythos Ballett und den Mythos Palais Garnier auch als Kinderkrimi erschienen: „Delphine über den Dächern“ von Odette Joyeux .

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          „Romane zur Serie“ sind immer noch hoch beliebt. Und Eltern und Großeltern erinnern sich hier und da an „Anna“, eine frühe der alljährlichen Weihnachtsserien im ZDF. „Timm Thaler“, nach James Krüss, war die erste Weihnachtsserie, 1979. Danach kamen „Silas“ oder „Nesthäkchen“ und 1987 eben „Anna“ mit Silvia Seidel, einer jungen Münchnerin, die mit gerade mal 18 Jahren diese Kinderrolle spielen und tanzen konnte. Wenn man sich heute Bruchstücke im Internet ansieht, kann man verstehen, warum so viele Mädchen danach in die Ballettschulen strömten, fast so wie nach Boris Beckers Wimbledon-Sieg Kinder in die Tennisclubs.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die französische Anna hieß Delphine und kam schon 1966 ins Fernsehen, in Schwarzweiß. Bis heute gilt die Serie „L’age heureux“ als Kult, auch wenn sie schon lange in den Tiefen des Internets und seiner Spezialinteressen verhandelt wird, wo man Teile ansehen und DVDs erwerben kann. Als „Die verbotene Tür“ kam die Serie um Delphine, die Ballettschülerin an der Pariser Oper, 1970 auch ins deutsche Fernsehen.

          Der Mythos Paris, der Mythos Ballett und der Mythos des Palais Garnier zusammen machen einen großen Teil der Faszination am Schicksal der elfjährigen Delphine aus, die auf der Île Saint-Louis mit ihrer Mutter in bescheidenen Verhältnissen lebt. Und natürlich die Schar weißgekleideter Mädchen, die hart trainieren, abends auftreten wie die erwachsenen „Étoiles“ und dazwischen eben auch mal über die Stränge schlagen. Ein Ausflug hinter die verbotene Tür zum Dach endet böse – und in einer Intrige um Delphine, der soeben die Hauptrolle im Ballett „Galatea“ zugesprochen worden ist.

          Odette Joyeux: „Delphine über den Dächern“. Ein Ballettroman aus Paris. Aus dem Französischen von Hildegard Lest. Bilder von Leanne Shapton. Insel Verlag, Berlin 2020. 255 S., geb., 14,– Euro. Ab 10 J.
          Odette Joyeux: „Delphine über den Dächern“. Ein Ballettroman aus Paris. Aus dem Französischen von Hildegard Lest. Bilder von Leanne Shapton. Insel Verlag, Berlin 2020. 255 S., geb., 14,– Euro. Ab 10 J. : Bild: Insel Verlag

          Auch „L’age heureux“ ist ein „Buch zum Film“. Odette Joyeux (1914 bis 2000) war selbst einst „petit rat“ an der Pariser Oper, wie die Ballettschülerinnen, die in frühen Zeiten oft aus armen Familien stammten, noch heute genannt werden – Ballettratten. Joyeux war danach als Schauspielerin, vor allem im französischen Film der dreißiger und vierziger Jahre erfolgreich. Als „süßes Mädel“ ist sie Teil von Max Ophüls’ „Der Reigen“ (1950), später schrieb sie Romane, auch ihre viele Jahre lang populären Erinnerungen an die eigene Kindheit an der Pariser Oper. Aus „Côté jardin“, so deren Titel, wurde in ihrer eigenen Drehbuchfassung und in der Regie ihres Mannes Pierre Agostini die Fernsehserie über Delphine – Joyeux selbst spielte die alleinerziehende Mutter Delphines. Parallel dazu erschien der gleichnamige Roman.

          Nun hat der Insel Verlag in der Übersetzung von Hildegard Lest mit einem hübschen Umschlag im Retrolook von Leanne Shapton den „Ballettroman aus Paris“ ausgegraben. Der Titel ist neu, „Delphine über den Dächern“ allerdings kann, trotz eines Vorworts der Primaballerina Polina Semionova und eines aktuellen Interviewteils am Ende, den Staub weder von der Beschreibung des harten Alltags der Ballettmädchen noch von den persönlichen Verhältnissen Delphines wischen. Vermutlich soll das auch gar nicht so sein. Als historisches Textdokument behält er nicht nur merkwürdige Erzählhaltungen und altbackene Bemerkungen bei, auch wenn die Frische der Kinder in den Szenen geradezu unverwüstlich ist. Er gibt Einblicke in eine Zeit, in der es im Palais Garnier noch Schulunterricht gab, schon lange liegt die Ballettschule der Oper in Nanterre.

          Vieles hat sich nicht geändert – das Training und der Alltag sind weiter anstrengend und früh hochprofessionell, Eifersucht, Enttäuschung und Euphorie liegen heute so nah beieinander wie vor hundert Jahren. Als Jugendbuch für heutige junge Leserinnen aber dürften sowohl das Erzählen als auch das Erzählte, die Geschlechterbilder und Verhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern ungläubiges Staunen hervorrufen. Im Duktus ist Joyeux’ Erzählung nicht anders als viele Jugend- oder Mädchenbücher, die in den sechziger und siebziger Jahren Standard waren. Mit absehbaren Konflikten, zementierten Rollen und Kommentaren wie jenem, das Schwärmen für den Ersten Solisten sei kein Wunder, seien die Mädchen doch schon elf „und Pariserinnen dazu“. Nostalgiker wird es freuen, dass das Buch zur Ballettserie jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Ein Glück aber, dass heute für junge Leser ganz anders erzählt wird.

          Odette Joyeux: „Delphine über den Dächern“. Ein Ballettroman aus Paris. Aus dem Französischen von Hildegard Lest. Bilder von Leanne Shapton. Insel Verlag, Berlin 2020. 255 S., geb., 14,– Euro. Ab 10 J.

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