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Dav Pilkey: „Captain Underpants und der Angriff der schnappenden Klo-Schüsseln“. Aus dem Englischen von Sanni Kentopf. Adrian Verlag, Berlin 2020. 144 S., geb., 9,99 €. Ab 6 J. Bild: Adrian Verlag

Buchreihe „Captain Underpants“ : Ein Schulleiter in Unterwäsche kämpft gegen ein Riesenklo

Warum zieht Dav Pilkeys harmlos alberne Buchreihe „Captain Underpants“ so viel Hass auf sich? Seit ihrem Erscheinen gehört sie zu den Büchern, deren Verbannung aus Bibliotheken am vehementesten gefordert wird.

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          Stellen wir uns die Geschichte zweier Schulfreunde vor, die sich ihrerseits eine Geschichte ausgedacht haben, genauer: einen Comic. In diesem Comic geht es um einen Superhelden in Unterhosen, Captain Underpants, der „unermüdlich für Wahrheit, Gerechtigkeit und weichgespülte Baumwoll-Unterhosen“ kämpft. Durch Zauberei und Verwicklungen wird dieser Superheld plötzlich real, indem sich der fiese Schulleiter der Jungen plötzlich in diesen Captain Underpants verwandelt.

          Anna Vollmer

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Davon handelt also die Geschichte – von einem Spiel zwischen verschiedenen Erzählebenen und von einem Schulleiter, dessen Autorität von zwei Halbwüchsigen brutal untergraben wird. Ist das provokativ? Revolutionär? Verbannungswürdig? Viele Amerikaner sagen: ja, absolut. So ein Buch soll es nicht geben, Kinder dürfen es nicht lesen, denn wenn plötzlich der Schulleiter in Unterhose dasteht – wo kommen wir da hin?

          Die Kinderbuchreihe „Captain Underpants“ des amerikanischen Zeichners und Kinderbuchautors Dav Pilkey, die oben beschriebene Geschichte erzählt, gehört seit ihrem Erscheinen zu den Büchern, deren Verbannung aus Bibliotheken am vehementesten gefordert wird. In den Jahren 2012 und 2013 führte die Reihe die Liste der Bücher an, deren Verschwinden aus öffentlichen Bibliotheken laut der American Library Association (ALA) am häufigsten verlangt wurde. In den Top Hundert der letzten zehn Jahre belegt Pilkey mit seinen Unterhosen-Büchern den sagenhaften zweiten Platz. Die illustrierten Geschichten enthielten anstößige Sprache, Gewalt und seien der Altersgruppe nicht angemessen.

          Killerklos fressen das Lehrpersonal

          Gewalttätig geht es tatsächlich bei Pilkey zu. Der Erzähler in „Captain Underpants und der Angriff der schnappenden Kloschüsseln“ warnt sogar selbst: „Das folgende Kapitel enthält explizite Szenen mit extrem brutaler Gewalt, die zeigen, wie ein Mann in Unterwäsche gegen ein gigantisches Klo kämpft. Bitte macht das zuhause nicht nach.“ Wenige Seiten später müssen lesende Kinder auch noch den Anblick eines Roboters ertragen, der mit einem riesigen Pömpel ein widerspenstiges Klo malträtiert. Wenn das bei Jungen und Mädchen keine Spätfolgen auslösen kann!

          Tatsächlich kann man nur verwundert sein, dass ausgerechnet eine Buchreihe wie diese so viel Wut auf sich zieht. Denn die Geschichte ist so konventionell, dass sie an manchen Stellen selbst schon fast angestaubt wirkt. Da wären zum einen ihre Protagonisten, George und Harold, für die vermutlich das Wort „Lausbuben“ das treffendste wäre, würde man es denn noch verwenden: zwei Jungs, die mehr oder weniger lustige Streiche spielen, dabei aber, wie es bei Pilkey heißt, „das Herz am rechten Fleck haben“. In der Kinderliteratur ist das durchaus nicht neu, kennen wir doch Michel aus Lönneberga oder die Weasley-Zwillinge aus den Harry-Potter-Büchern, von der Böswilligkeit der Buben Max und Moritz gar nicht zu sprechen. George und Harold kämpfen gegen allzu bekannte Gegner – den gemeinen Schulleiter, den nervigen Streber –, und sie tun das mit Streichen, deren Originalität man durchaus in Frage stellen könnte. Da kleben Hintern an Stühlen fest, Eier fliegen, Tinte spritzt. Dafür müssen die beiden nachsitzen. Erst jetzt kommt Action auf, weil die beiden ihre Rumsitzerei dazu nutzen, einen Comic zu zeichnen, der durch einen magischen 3D-Drucker zum Leben erweckt wird. Killerklos fressen das Lehrpersonal, und der Schulleiter muss sich seiner Kleidung entledigen, um das Schlamassel zu lösen. Wie es sich für eine Klogeschichte gehört, wird es dann unappetitlich, doch auch das hält sich im Rahmen.

          Noch immer das Kind, das er einmal war

          Dav Pilkey, der sich, wie er im Anhang des Buches betont, mit seinen beiden Protagonisten identifiziert und Geschichten schreiben möchte, über die er als Kind selbst gelacht hätte, sagt, er sei nicht überrascht über die Wut gegen seine Bücher, schließlich hätten ihm schon seine Lehrer verboten, die Geschichten zu schreiben, die er schreiben wollte. Immer wieder vermischt er in den Büchern oder Interviews sich selbst mit dem Erzähler der Serie.

          Dahinter steckt wohl vor allem der Wunsch, zu beweisen, dass Pilkey noch immer das Kind ist, das er einmal war – einer seiner Leser. Diese etwas ankumpelnde Masche, die in „Captain Underpants“ teilweise mit dem Holzhammer vermittelt wird, ist zwar anstrengend. Wer sie aber so ernst nimmt, dass er die Revolution aus dem Kinderzimmer fürchtet, ist bemitleidenswert. Allein um diese Menschen zu verärgern, möchte man alle amerikanischen Kinder dazu auffordern, in der Bücherei die „Captain Underpants“-Bücher auszuleihen.

          Dav Pilkey: „Captain Underpants und der Angriff der schnappenden Klo-Schüsseln“. Aus dem Englischen von Sanni Kentopf. Adrian Verlag, Berlin 2020. 144 S., geb., 9,99 €. Ab 6 J.

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