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Kate DiCamillo: „Louisianas Weg nach Hause“. Aus dem Englischen von Sabine Ludwig. dtv Junior, München 2020. 208 S., geb., 12,95 €. Ab 9 J. Bild: dtv Junior

Kinderbuch von Kate DiCamillo : Highway der Illusion

  • -Aktualisiert am

Eines Nachts holt die resolute Großmutter ihre lungenschwache Enkeltochter mit der Begründung aus dem Bett, eine Verabredung mit dem Schicksal zu haben: In ihrem Kinderbuch „Louisianas Weg nach Hause“ räumt Kate DiCamillo mit Lebenslügen auf.

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          Das Werk der amerikanischen Bestsellerautorin Kate DiCamillo kreist leitmotivisch um streunende Tiere und Patchworkfamilien, Waisen, Halbwaisen, Träumer, Gerettete, Gestrandete, Saboteure der Wegwerfgesellschaft. „Louisianas Weg nach Hause“ (2018) ist die Fortsetzung des Buchs „Little Miss Florida“ (2016), in dem aus vater- oder elternlos aufwachsenden Konkurrentinnen eines Wettbewerbs, der Leseratte Raymie, der schlösserknackenden Polizistentochter Beverly und dem Spross verunglückter Trapezartisten, Louisiana, Herzensfreundinnen werden. War die Geschichte eines Sommers in Florida 1975 aus Raymies Sicht erzählt, steht im 1977 spielenden Folgeroman die von der Großmutter aufgezogene lungenschwache Louisiana im Mittelpunkt.

          Der Roadtrip ist zugleich eine Abschiedsgeschichte von alten Gewissheiten, Freundinnen und der Kindheit sowie eine Anleitung zur Selbsthilfe. Eines Nachts holt die resolute „Granny“ Louisiana mit der Begründung aus dem Bett, eine Verabredung mit dem Schicksal zu haben. Es ist ein Aufbruch ohne Umkehr auf der Schnellstraße von Florida über Georgia mit dem Ziel Mittlerer Westen, um sich einem auf der Familie lastenden Bann zu stellen: dem „Entzweiungsfluch“ oder Schicksal des Verlassenwerdens. Granny will, um ihn zu brechen, nach Nebraska reisen, wo 1910 ihrem Vater, einem Zauberer, bei einer Live-Show jenes folgenschwere Malheur passierte, das den Haussegen über Generationen schief hängen ließ. Der Siebziger-Jahre-Roadtrip als Symbol des Moratoriums der Adoleszenz lebt von transitorischen Orten wie Tankstellenraststätten oder Motels. Als Granny unter Zahnschmerzen leidet, übernimmt die Zwölfjährige das Steuer, nicht ohne einen Beinaheunfall zu bauen. Die Kleinstadt in Georgia, in der die beiden auf der Suche nach einem Zahnarzt landen, ist voll kauziger Südstaatenbewohner. Da wären DiCamillo-typisch eine Bibliothekarin als Vertrauensperson, der Junge mit dressierter Krähe, Burke, ein Schulschwänzer und Einzelgänger, mit dem Louisiana durch Wälder streift, und Pfarrer „Hochwürden Obertask“ mit Walrossbart.

          Eines Tages ist das Motelzimmer leer; Granny samt Auto verschwunden. Sie will ihre Fahrt nach Nebraska und Mission allein beenden. Ein Abschiedsbrief klärt Louisiana über ihre Identität auf. Sie habe sie im Hinterausgang eines Ein-Dollar-Ladens als ausgesetztes Baby gefunden. Und die Story von Louisianas verunglückten Eltern und berühmten Trapezkünstlern war frei erfunden. Voller Wut über diese Lügen sucht Louisiana Mittel und Wege, um in die Sonne Floridas und Arme der Freundinnen zurückzukehren. Das Buch spielt mit amerikanischen Mythen der Grenzen, Heimatkonstruktionen, Zugehörigkeiten.

          Was am Ende zählt

          Während sie Hotelschulden als begabte Sängerin auf Beerdigungen abarbeitet, findet sie Zuflucht in dem Haus im Wald in Zuckerwatte-Rosa des „Krähenjungen“ Burke und seiner Familie. Initiationserfahrungen des Unvorhersehbaren und die Krux der Ersatzheimaten prägen die Psyche des Waisenkindes: „Du kannst ein Zuhause bei uns haben ... Das war so ein einfacher Satz. Warum klang er so schön und so unmöglich?“

          Verluste werden aufgehellt vom Kleinstadtgetriebe wie Zirkus, Kirmes, Gottesdienste. Burke rät der Spielgefährtin, es mit Gegenzauber zum Entzweiungsfluch zu probieren. Doch Pfarrer Obertask erteilt statt eines Antidots nur „heilende Worte“ wie: „Jeder von uns kommt an einen Punkt, wo er entscheiden muss, wer er in dieser Welt sein möchte. Du entscheidest, wer du bist.“ Louisiana wird jedenfalls klar, dass Granny ihre Wahlenkelin, der sie Resilienz, Überlebenskunst und den Wert der Gabe des Gesangs vermittelte, vor ihrem Tod wieder verließ, um ihr neue Horizonte zu öffnen.

          „Vielleicht ist es das, was am Ende zählt, nicht, dass uns jemand abgelegt, sondern dass uns jemand aufgehoben hat“ stand im Abschiedsbrief. Ihre Worte im Ohr, beschließt sie, in Georgia zu bleiben. So ist Louisianas Weg nach Hause, der sie trotz des Buchtitels nicht heim nach Florida, sondern erneut in eine ohne Blutsbande zugewandte Aufnahmefamilie geführt hat, die lange Geschichte einer Selbstfindung.

          Kate DiCamillo: „Louisianas Weg nach Hause“. Aus dem Englischen von Sabine Ludwig. dtv Junior, München 2020. 208 S., geb., 12,95 €. Ab 9 J.

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