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Finnisches Kinderbuch : Zwischen Waldmuppeln und Dämmerlingen

In der Küche der Muppel ist der stets hungrige Untu willkommen. Bild: Pirkko-Liisa Surojegin / Urachhaus

Auf Weihnachtssuche: In ihrem Kinderbuch „Untu und das Geheimnis des Lichts“ schicken Nora Surojegin und Pirkko-Liisa Surojegin einen Winzling durch eine Welt voller Farben und Geheimnisse.

          3 Min.

          Der Hobbit Pippin hat sich unter Herr-der-Ringe-Fans zum Running Gag entwickelt, weil er die Fragen stellt, die uns alle umtreiben: Was ist mit dem zweiten Frühstück? Und mit dem Tee? Niemand möchte wie ein quengeliges Kind wirken, aber selbst passionierte Wanderer würden zugeben, dass lange Fußmärsche ohne Einkehrmöglichkeiten nur halb so schön sind. Und dass der Kuchen nach einem Spaziergang in der Kälte noch einmal besser schmeckt. „Untu und das Geheimnis des Lichts“, das erste Buch der finnischen Grafikdesignerin Nora Surojegin und ihrer Mutter Pirkko-Liisa Surojegin, einer bekannten Illustratorin, erzählt, unter anderen, von dieser Art der Gemütlichkeit.

          Anna Vollmer

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Untu, ein Winzling, der an der Küste lebt, findet eines schönen Herbsttages eine zerknitterte Postkarte, auf deren Rückseite der Absender „Licht im tiefen Winter sowie Freude bei den Vorbereitungen auf Weihnachten“ wünscht. Weil Untu von diesem Weihnachten noch nie gehört hat, möchte er sich auf die Suche danach machen und das Licht finden, das die trostlosen Winter verkürzen kann.

          Auf seinem Weg in den Norden, zu den Polarsternen und dem Alten der Weihnacht, trifft der Winzling eine Reihe von sonderbaren Wesen: Waldgeister und Wunnen, Waldmuppel und Dämmerlinge. Fast überall wird er herzlich empfangen und tauscht bei Heidelbeertee und frisch gebackenem Brot Geschichten aus. „Untu und das Geheimnis des Lichts“ zelebriert die Wärme der Gastfreundschaft und die wohlige Behaglichkeit kalter Winterabende in guter Gesellschaft. Es ist ein Buch, das zu keiner Zeit besser passt als zur Vorweihnachtszeit.

          Nora Surojegin, Pirkko-Liisa Surojegin: „Untu und das Geheimnis des Lichts“. Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2020. 120 S., geb., 20,– €. Ab 8 J.
          Nora Surojegin, Pirkko-Liisa Surojegin: „Untu und das Geheimnis des Lichts“. Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2020. 120 S., geb., 20,– €. Ab 8 J. : Bild: Urachhaus

          Leider bedient sich Nora Surojegin so vieler altbekannter Elemente, dass die Schilderung der Reise kaum überraschend und zuweilen auch ein wenig bieder daherkommt. Der Dachs ist dümmlich-tapsig, der Bär gut und stark, grummelige Zeitgenossen haben einen weichen Kern, und die ständige Herzlichkeit rutscht zuweilen ins Kitschige ab. Nur an einer Stelle wird es kurz bedrohlich, sonst empfangen Untu überall Heißgetränke und Törtchen. Insbesondere die Lieder, die Untu singt, um sich den langen Marsch zu verkürzen, haben für Leser den gegenteiligen Effekt. Und man fragt sich, ob Reime wie „Untu auf der Reise wieder, / legt sich in der Höhle nieder, / Schutz vor dichter Regenflut, / wohlig wärmt die helle Glut“ auf Finnisch ein bisschen mehr Pep haben als in deutscher Übersetzung.

          Ein Ausgleich für etwas langatmige Passagen sind die großflächigen Zeichnungen, die das Buch oft sehr treffend begleiten: Mit weichem Pinselstrich entwirft Pirkko-Liisa Surojegin Welten, in die man beim Blättern nur zu gerne eintaucht. Mit liebevollen Details zeichnet sie das Gewusel in der Gemeinschaftshöhle der Muppel und lässt die Leser an anderer Stelle mit großflächigen satten Farben das Leuchten des Nordens und die klare Kälte einer Dezembernacht förmlich spüren.

          Ein bisschen Wehmut

          „Der Herbst war bekanntlich die beste Jahreszeit für Abenteuer“, heißt es am Anfang des Buches. Pirkko-Liisa Surojegins Illustrationen, warme rotgelbe Töne zu Beginn der Geschichte, spiegeln nicht nur die bunte Jahreszeit wider, sie passen auch zu der Aufbruchsstimmung mit der Untu seine Reise antritt. Als der Winter kommt, werden die Farben kühler, und die Illustratorin lässt Untu wehmütig in die Ferne blicken. Denn den Winzling beschleichen an langen kalten Abenden die ersten Zweifel: Wird er diese Weihnacht je finden?

          Auf erzählerischer Ebene sind Beobachtungen der Natur und der Wandel der Jahreszeiten deutlich reizvoller als Untus zahlreiche Pläuschchen am Lagerfeuer. In der mythologischen Welt der Geschichte ist die ganze Natur belebt: Überall raunt und raschelt es, Bäume kommunizieren miteinander, und ihre fallenden Blätter sind Feen, die ihr kurzes Leben von Frühling bis Herbst mit einem langsamen schwebenden Abschiedstanz beenden. Alle Bewohner des Waldes sind in fast symbiotischen Beziehungen miteinander verbunden und stehen so symbolisch für ein intaktes Ökosystem, in dem die Aufgaben klar verteilt sind und jedes Lebewesen auf die anderen angewiesen ist. So drückt Untus Reise zum rätselhaften Licht nicht nur die andächtige Stimmung der Vorweihnachtszeit aus. Es ist auch ein Buch über den Zauber, den die Veränderungen der Natur ausüben können. An diesen Stellen bekommt das Buch die Tiefe, die ihm an anderer Stelle fehlt.

          Ein bisschen Wehmut ergreift einen beim Lesen, scheinen die Schilderungen, zumindest für deutsche Leser, doch zuweilen wie aus einer anderen Zeit: Zugefrorene Seen gibt es hier schon lange nicht mehr, und viele Blätter hatten in den letzten Jahren ein noch kürzeres Leben als ohnehin schon. Von daher ist es sicher nicht falsch, noch einmal auf die Schönheit der Jahreszeiten hinzuweisen und auch deren kleinste Details in den Blick zu nehmen. Wer Pirkko-Liisa Surojegins Bilder anschaut, muss schon ein großer Naturmuffel sein, um sich nicht nach einem Waldspaziergang zu sehnen – egal, ob es danach Kuchen gibt oder nicht.

          Nora Surojegin, Pirkko-Liisa Surojegin: „Untu und das Geheimnis des Lichts“. Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2020. 120 S., geb., 20,– €. Ab 8 J.

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