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Labor Ateliergemeinschaft : Kritzel krakeln, Kraken kitzeln

Löwt! Abbildung aus Jörg Mühles jüngstem Bilderbuch Bild: Bilderbuchmuseum Troisdorf

Die Illustratorenszene ist ohne sie schwer vorstellbar. Dass es sie schon zwanzig Jahre gibt, genauso: Das Bilderbuchmuseum Troisdorf ehrt die Labor Ateliergemeinschaft aus Frankfurt.

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          Ein Klebekreis in Knallorange hat sich in der Troisdorfer Burg Wissem auf den Fußboden im ersten Stock verirrt, ein ganzes Stück jenseits der knallgelben Skala auf Tischhöhe, auf der die Besucher mit einem solchen Punkt zu markieren eingeladen sind, wo zwischen völlig normal und komplett unnormal sie sich selbst einordnen. Nicht nur das Verfahren und die Farbe erinnern an das Buch „Ich so du so - alles super normal“, in dem das Frankfurter Künstlerkollektiv Labor vor zwei Jahren ein Feuerwerk an Denkanstößen, Witzen, Provokationen, Klarstellungen und eigenen Erinnerungen zum Themenfeld Einzigartigkeit und Vielfalt, Diversität und gesellschaftlicher Normierungsdruck veröffentlicht hat. Der ganze Raum im Bilderbuchmuseum ist diesem Buch gewidmet, fast der ganze erste Stock einer Gruppenausstellung zum zwanzigjährigen Bestehen der Ateliergemeinschaft. Und der ausgebüxte Punkt auf dem Fußboden passt aufs schönste ins Bild: Wer immer ihn dort hinklebte, hat die Skala ein Stück erweitert – hinter „unnormal“ ist noch Platz für eine unkonventionelle Antwort.

          Vielfalt war in „Ich so du so“ Programm, und der Name des Buchs wie auch das Neben- und Miteinander der unterschiedlichen Illustrationsstile, Tonlagen und Flughöhen sind exemplarisch für das künstlerische Oktett (für das Buch ergänzt um zwei Gäste), das es geschaffen hat. Dabei hatten sich Anke Kuhl, Jörg Mühle, Moni Port und Philip Waechter als Illustratoren und Zuni Fellehner und Kirsten Fabinski als Kommunikationsdesignerinnen-Duo von Zubinski schon einen Namen gemacht, bevor die ersten Bücher unter Beteiligung aller veröffentlicht wurden und bevor die Autorin Alexandra Maxeiner und die Illustratorin Natascha Vlahović 2008 zu den anderen in die Räume in Sachsenhausen zogen, die zuvor ein Zahnarztlabor beherbergten und so der Gruppe den gemeinsamen Namen gaben.

          Auch auf den Schultern der Eltern lässt sich kritzeln

          Schon zum zehnjährigen Bestehen der Ateliergemeinschaft, erzählt die Direktorin Pauline Liesen, hatte das Bilderbuchmuseum an eine Ausstellung gedacht. Damals hätte sie noch ohne Werke wie das „Kinder Künstler Kritzelbuch“ auskommen müssen, ein Anregungsbuch voller guter Ideen, die Raum bieten für noch bessere. „Kritzel krakeln“, heißt es über einer Seite im „Wilden Kinder Künstler Kritzelmini“, „Kraken kitzeln“ direkt daneben, und ganz unten in der Ecke verrät irgendein Puscheltier: „Macht beides Spaß“. Glaubt man sofort. Zusammen kommt die Reihe inzwischen auf eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren. Bücher wie „Alles Familie!“ von Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl, „Das mutige Buch“ von Moni Port, „Zwei für mich, einer für dich“ von Jörg Mühle oder Philip Waechters „Toni - und alles nur wegen Renato Flash“, Werke also, die man sich in jedem Kinderzimmer nur wünschen kann, sind im vergangenen Jahrzehnt entstanden. In der Auswahlbiographie, die den Ausstellungskatalog abschließt, nehmen die Jahre seit 2010 doppelt so viel Raum ein wie die davor.

          Den Ausstellungsplatz teilen sich die acht Künstler in bewährter Form: Es gibt Gemeinschafts-, Einzel- und Mitmachräume. Neben dem leuchtend gelben Normalitätstisch bietet eine Mülltonne viel Platz für Komplexe aller Art: einfach auf einen Zettel schreiben und einwerfen, sie werden fachgerecht entsorgt. Bis über mannshoch ist der nächste Raum mit Kritzeleinladungen für Kinder-Künstler tapeziert, notfalls muss eben auf den Schultern der Eltern gearbeitet werden. Ein Abglanz der Mitmachaktionen, für die das Labor bekannt ist.

          Experimentiert wird hier auch noch

          Die Dynamik Philip Waechters, die Lakonik Anke Kuhls, die Komik Jörg Mühles, die so unterschiedlichen grafischen Zugänge von Moni Port und von Zubinski, beide mit einem besonderen Interessa an der Form, machen klar, welches Spektrum sich in der Mörfelder Landstraße gefunden und entwickelt hat. Buchumschläge für erwachsene Leser und freie grafische Arbeiten zeigen, dass sich der Blick und der Witz der Laboranten nicht allein aus dem Leben mit Kindern, den Begegnungen auf Augenhöhe und dem regen Austausch in der Gemeinschaft nährt: Hier werden dunklere Klänge angeschlagen, wird eine formale Strenge ausprobiert oder eine Anspielung weitergetrieben, wie sie in den Bilder- und Kinderbüchern kaum zu finden sind. Wiewohl auch in ihnen stets zu ahnen ist, dass der Horizont dieser Künstler nicht bei den Illustrationen für diese Altersgruppe endet.

          Am schönsten anzusehen sind in der Troisdorfer Ausstellung die vielen Entwürfe und Skizzen - und am schönsten zu lesen die handschriftlichen Anmerkungen, mit denen die Illustratoren ihre Werke auf kleinen Post-it-Notizen kommentieren. Hier erfährt man auch, dass Jörg Mühle seinem „Nur noch kurz die Ohren kraulen“, einem Pappbuch, mit dem kleinste Leser ein Hasenkind bei dessen Gute-Nacht-Routinen begleiten, gleich laborgemäß eine ganze Experimentenreihe vorangestellt hat. „Mit diesen Heftchen habe ich abends an unserer Tochter getestet, was funktioniert“, heißt es auf einer Notiz in einer Vitrine. Mit einem Händeklatschen wird dem Kind im Buch der Schlafanzug angezogen, mit einem Simsalabim liegt das Hasenkind im Bett, und zum Lichtausmachen findet sich auf der letzten Seite unter der Bettdecke ein Schalter. „,Schütteln‘ funktionierte beispielsweise nicht so gut“, steht gleich nebenan bei einer Skizzendoppelseite, auf der ein erschrockenes Hasenkind kopfüber liegt. „Weia! Das war zu wild“, war dazu als Text vorgesehen. Dass sich die junge Testleserin der Aufgabe des Schüttelns mit Hingabe gewidmet und so einen Umweg zum eigenen Einschlafen eingeschlagen hat, kann man sich gut vorstellen.

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