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Cornelia Funke im Sommer 2019 in ihrem Haus in Malibu Bild: dpa

Neuer „Reckless“-Band : Cornelia Funke folgt der silbernen Fährte

Dass Wesen wie die Gefährtin ihres Titelhelden, die mal als Fuchs und mal als Menschenfrau erscheinen, in Japans Erzähltradition präsent sind, wusste Cornelia Funke zunächst nicht. Im vierten „Reckless“-Band hat sie diese Lücke geschlossen.

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          Als sie vor zehn Jahren mit „Reckless – Steinernes Fleisch“ den ersten Band einer neuen Romanserie veröffentlichte, die zu einem erheblichen Teil in einer Parallelwelt voller Märchenmotive spielt, da sei ihr die kulturelle Konnotation einer ihrer Hauptfiguren nicht recht klar gewesen, sagt Cornelia Funke. Denn die liebenswerte Gestaltwandlerin namens Fuchs, Gefährtin des Schatzsuchers Jacob Reckless, der aus dem New York unserer Zeit stammt und jene Märchenwelt durch einen vom verschwundenen Vater ererbten Spiegel betritt, erlebt mit Jacob eine Reihe äußerst gefährlicher Abenteuer zwischen Hexen, Feen, Riesen und Fabelwesen aus dem Fundus der mitteleuropäischen Märchen. Dass aber Wesen, die mal als Fuchs und mal als Menschenfrau erscheinen, in der japanischen Erzähltradition ausgesprochen präsent sind, habe die Autorin nicht gewusst.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun, im vierten Band, hat die profunde Märchenkennerin Funke diese Lücke ersichtlich geschlossen. Spielten die bisherigen drei Bände in verfremdeten Abbildern von diversen mitteleuropäischen Ländern sowie Russlands, stehen Fuchs und Jacob, inzwischen zum Liebespaar geworden, nun in einer Art Korea vor der Weiterreise zu einem unklaren Ziel, um den Verstrickungen der Vergangenheit zu entkommen und Jacobs Bruder Will zu suchen, der mit einiger Verspätung die Welt hinter dem Spiegel für sich entdeckt hatte und prompt in Lebensgefahr geraten war.

          Als Fuchs im Hafen die Passagierliste eines Schiffs entdeckt, das nach Nihon, dem Parallel-Japan, fährt und offenbar Will sowie Jacobs Feind Nerron an Bord hat, buchen auch Jacob und Fuchs die Passage. Das ist nicht ohne Risiko, denn Nerron, der einem Volk von kriegerischen Steinmenschen namens Goyl angehört und als Schatzsucher und Spion immer wieder mit Jacob aneinandergeraten war, verfolgt seine eigenen Pläne mit Will. Außerdem ist da noch das Glasmädchen namens Sechzehn, in das Will verliebt ist und das er vor einer Krankheit retten will, die ihre Haut mit Rinde überzieht.

          In Nihon trifft Fuchs nicht nur ihresgleichen, sondern auch ihren künftigen Beschützer Yanagito Hideo – ein massiger, am ganzen Körper tätowierter Ringer, der sie und ihr ungeborenes Kind schließlich vor dem mächtigen Erlelfen Spieler versteckt, dem Jacob und Fuchs auf ihrer Reise eigentlich entfliehen wollten. Jacob allerdings verbringt einen Großteil des Romans von nun an in wechselnden Gefängnissen und Folterkellern, mal in Allianz mit seinem früheren Feind Nerron, mal allein, in Sorge um Fuchs und darum, das Geheimnis der Türen zwischen den Welten zu bewahren. Dabei macht er die Bekanntschaft einer ganzen Reihe jener Erlelfen, augenscheinlich guten wie zweifellos bösen, ihr Kennzeichen ist das Silber, ein Metall, das Fuchs sogar riechen kann; der Romantitel „Auf silberner Fährte“ ist hier begründet.

          Wenn eine Romanreihe bereits den vierten Teil erreicht, ist es Zeit, dass die Protagonisten und mit ihnen die Leser etwas klarer sehen. Tatsächlich werden hier einige Geheimnisse gelüftet. Wir erfahren, dass die Spiegel für den Weltenübergang aus dem Wasser jener Seen gemacht sind, an deren Ufern die mit den Erlelfen verfeindeten Feen hausen, und auch, dass Spieler Will mit dessen Mutter Rosalind gezeugt hat, dass die einander so eng verbundenen Jacob und Will also nur Halbbrüder sind, und die Frage, welche Konsequenzen diese Offenbarung haben wird, steht den Roman über im Raum.

          Denn es geht fortwährend um verschwimmende Identitäten – der Erlelf und sein Geschöpf Sechzehn tragen wechselnde, unterschiedliche Gesichter, was bei letzterer ernsthafte Verwirrung auslöst: „Sie wusste selten, woher das kam, was sie sagte oder wusste. Zu viele Gesichter“, heißt es, was besonders tragisch ist, weil sie trotz allem eine tiefe Sehnsucht nach Zuwendung in sich trägt. Umgekehrt ist auch der Tod hier kein statischer Zustand, und die Toten der früheren Bände mischen sich erheblich in die Geschichten der Lebenden ein.

          Wo führt das alles hin? Die Rettung in höchster Not liefern hier buchstäblich Märchen, die aus den Bildern ausbrechen, in die sie auf Hideos Haut gefasst worden waren: Ein letzter Beweis, welche Macht die Autorin dem Erzählen zumisst. Man folgt ihr darin gern.

          Cornelia Funke: „Reckless – Auf silberner Fährte“. Dressler Verlag, Hamburg 2020. 464 S., geb., 24,– . Ab 12 J.

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