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Neues von Schütz und Göhlich : Die Absicht zählt

All diese Einkäufe? Wer soll die nur nach Hause tragen? Zum Glück wissen Pit und Pelle Rat. Und bekommen bei ihren Freunden Hilfe beim vorgezogenen Frühstück. Bild: Susanne Göhlich / Peter Hammer Verlag

Kreatives Chaos: In ihrem neuen Bilderbuch schicken Stefanie Schütz und Susanne Göhlich zwei Brüder in den Supermarkt. Zum Glück bemerken die beiden, was ihnen auf der Einkaufsliste fehlt.

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          Dass auch kleine Kinder schon im Haushalt mithelfen können, wissen Eltern, und auch, dass dieser Einsatz gelernt werden muss, bevor er unterm Strich tatsächlich eine Entlastung der Eltern bedeutet. Das liegt oft nicht etwa am Unwillen der Kinder, sondern daran, dass sich ihre Lösungswege nicht zwingend mit denen decken müssen, die Erwachsene bevorzugen. Wenn etwa die Mutter der Brüder Pit und Pelle meint, die beiden seien „zusammen groß genug, um schon mal hier und da im Haushalt zu helfen“, dann sagt der Ich-Erzähler des Bilderbuchs „Pit & Pelle gehen einkaufen“ dazu nur: „Das tun wir gern. Wir räumen unser Zimmer auf. Oder wir hängen für Mama die Wäsche auf.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Was das bedeutet, zeigen die Bilder, die Susanne Göhlich zum Text von Stefanie Schütz gefunden hat: Eine Decke verhüllt einen Spielzeug-, Bücher- oder vielleicht auch Kuscheltierberg in der Mitte des Zimmers, der dort offenbar von den beiden Jungen zusammengeschoben wurde, was den Aufräumern im Kinderzimmer nicht wenig Mühe bereitet haben dürfte. Und dass beim gemeinsamen Wäscheaufhängen auf dem Balkon ausgerechnet das Bikini-Oberteil in Richtung des interessiert schauenden Nachbarn fliegt, ist sicher nicht die Schuld der Helfer. Allerdings wirken die beiden auch nicht sonderlich erschüttert, eher abgelenkt durch irgendetwas sehr Spannendes in der Umgebung. Und wenn sie den Küchenfußboden wischen und dabei das Putzmittel mit Zitronensirup verwechseln, kann man ja auch mal fragen, was eigentlich mehr zählt: dass der Boden ein bisschen klebt oder die gute Absicht der Jungen?

          In Büchern für junge Leser, zumal in der Altersgruppe der Kita- bis Grundschulkinder, nimmt die Erzählung gern deren Perspektive ein. Hier heißt das: Pit schildert die wenigen Stunden zwischen Nachmittag und Nacht, zwischen der Idee des Vaters, eigentlich könnten die Kinder heute einmal fürs Abendessen einkaufen, und deren Rückkehr. Dazwischen liegen der Besuch im Supermarkt und ein Weg nach Hause, der weit weniger geradlinig ist als der Hinweg. Denn zum einen weist der Einkaufszettel empfindliche Lücken auf, finden die Kinder: Der Vater habe wohl vergessen, Schoko-Cornflakes, Puddingpulver, Kekse, Würstchen, Sirup und vieles mehr aufzuschreiben – „zum Glück ist uns das noch eingefallen“. Und nicht nur das: bald finden Wäscheklammern, Tabletten gegen Mundgeruch, Esspapier und „jede Menge Glühbirnen, falls einmal der Strom ausfällt“, ihren Weg in den Einkaufswagen.

          Stefanie Schütz, Susanne Göhlich: „Pit und Pelle gehen einkaufen“. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020. 32 S., geb., 14,– €. Ab 5 J.
          Stefanie Schütz, Susanne Göhlich: „Pit und Pelle gehen einkaufen“. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020. 32 S., geb., 14,– €. Ab 5 J. : Bild: Peter Hammer Verlag

          Es ist eine Hans-im-Glück-Geschichte, die Stefanie Schütz erzählt, nur ohne die ernsthafte, jahrelange Arbeit, die im Märchen für den Goldklumpen eingesetzt werden musste, mit dem die Geschichte dort beginnt. Aber die Brüder Pit und Pelle finden sich nun in all ihrem Reichtum, erworben im Supermarkt auf dieselbe Weise, wie es sonst die Eltern tun, ebenso beschwert auf der Straße wieder wie der Märchenheld Hans. Denn der Inhalt all der Taschen lässt sich kaum nach Hause schleppen, und so werden kreative Lösungen wie aufessen, verschenken und vergraben (die Kartoffeln, mit Blick auf eine künftige Ernte) gefunden und – das macht den Kern dieses Buches aus – miteinander begründet. Wer beispielsweise das Frühstück des nächsten Morgens schon am Vorabend auf der Straße verspeist, erspart seinen Eltern einige Mühe. Und so fort.

          Der Text und die Bilder dieses Bandes gehen in ihrer gegenseitigen Leichtigkeit ein Bündnis ein, wie denn die Geschichte gelesen werden sollte. Um Pit und Pelle ist eine beneidenswerte Sicherheit, was die Auslegung der Erwachsenenwelt angeht, und das zufriedene Funkeln, das Susanne Göhlich den beiden verleiht, unterstreicht noch einmal, wie hier zwei in sich ruhen und genau von dieser Position aus die abenteuerlichsten Entdeckungen machen.

          Was aber ist mit den Eltern? Es gehört zu den erstaunlichsten Seiten dieses Buchs, wie sie sich zu der Dynamik verhalten, die zwischen ihren Söhnen entsteht und zu einiger Aufregung führt, vom Verlust der Barschaft an der Supermarktkasse ganz abgesehen. Dass sie sich Sorgen gemacht haben, dass sie kurz davor waren, die Polizei nach den so lange verschwundenen Söhnen suchen zu lassen, all das registriert der Erzähler Pit, aber es stört die Sicherheit der Brüder nicht weiter. Dass etwas schiefgegangen sein könnte mit dem Einkaufen, wenigstens in den Augen der Eltern, erreicht sie nicht. Als erwachsener Leser aber begreift man auf einmal, was für ein Geschenk gelassene Eltern sind.

          Stefanie Schütz, Susanne Göhlich: „Pit und Pelle gehen einkaufen“. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020. 32 S., geb., 14,– €. Ab 5 J.

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