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Bilderbuch von Oliver Jeffers : Aber du liebst mich nicht einmal

Sogar beim Berg setzt er sich so noch durch: Fausto macht seine Besitzansprüche geltend. Bild: Oliver Jeffers

Eine Blume, ein Schaf, ein Baum, ein Feld, ein See und ein Berg reichen dem Maßlosen nicht: In der „Fabel von Fausto“ erzählt Oliver Jeffers von einem Mann, der glaubt, alles zu besitzen.

          3 Min.

          Maßlosigkeit ist kein ganz unvertrautes menschliches Motiv, der aufmerksame Leser begegnet ihr im Märchen ebenso wie in der politischen Berichterstattung. Unlängst hat sich auch der Bilderbuchkünstler Oliver Jeffers ihrer angenommen. Wobei sein Titelheld in der „Fabel von Fausto“ diese Zuschreibung kategorisch ablehnen würde: Nicht als gierig glotzenden, sondern als hochmütig dreinblickenden Herrn mit Schnauzer im Dreiteiler lernen wir jenen Fausto kennen. Er ist überzeugt, ihm gehöre alles, interessiert daran, kennenzulernen, was seins ist, und durchaus bereit, renitentem Eigentum notfalls zu zeigen, wer hier das Sagen hat.

          Mit einer Blume und einem Schaf hat Fausto noch leichtes Spiel. Schon ziert eine Blüte sein Knopfloch - und ein „F“ die Flanke des Tieres. Von einem Baum erfährt er ein erstes Mal mehr als bloße Ergebenheit: „Also gut“, antwortet der, als sei auch eine andere Ordnung denkbar, als gebe er nur um des lieben Friedens willen nach. Und genau diesen Frieden zu stören ist Faustos Druckmittel, wenn sich jemand seinen Besitzansprüchen widersetzt: Vor einem See, der „erst nichts davon wissen“ wollte, ballt er die Faust, vor einem Berg, der entgegnet, er sei sein eigener Herr, stampft er zusätzlich mit dem Fuß, und als das nicht hilft, fängt er an „zu toben, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte“.

          An dieser Stelle macht sich der Leser ein erstes Mal Sorgen um den distinguierten Titelhelden der Geschichte: Oliver Jeffers zeichnet ihn von vorn, der Leser schaut in den schreiend offenen Mund unter dem mächtigen Schnurrbart, die Augen scheinen Fausto aus dem Kopf zu treten, die Iris im selben Neonrosa koloriert wie die Hände und Teile des Donnerwetters aus Spiralen, Blitzen und Krikelkrakel, das über seinem Haupt tobt. Ob auch dem Berg am Gesundheitszustand seines Besuchers gelegen ist? Schließlich verbeugt er sich doch und gibt klein bei: „Ja, du hast das Sagen. Ich gehöre dir.“

          Oliver Jeffers: „Die Fabel von Fausto“. Aus dem Englischen von Anna Schaub. Nordsüd Verlag, Zürich 2020. 96 S., geb., 18,– €. Ab 5 J.
          Oliver Jeffers: „Die Fabel von Fausto“. Aus dem Englischen von Anna Schaub. Nordsüd Verlag, Zürich 2020. 96 S., geb., 18,– €. Ab 5 J. : Bild: Nordsüd Verlag

          Bis hierhin haben Brauntöne die Illustrationen bestimmt, akzentuiert mit dem Neonrosa der Blumenblüte, der Blätter des Baumes, der Wut Faustos und des Bergesglühens in der Abendsonne: Gerade einmal mit einem Schatten versehen, setzt Oliver Jeffers Pflanze und Tier auf die blanke Seite, gerade einmal einen Satz plaziert er daneben. Hier geht es nicht um Kontext, sondern um Aussage. Dass allein die abgepflückte Blume unter dem Besitzanspruch des Despoten zu leiden hat und den übrigen im Grunde egal sein kann, ob sie Fausto nun gehören oder nicht, lässt sich allenfalls an den Gesichtern von Schaf und Berg ablesen.

          Doch ein Berg, ein See, Feld, ein Baum, ein Schaf und eine Blume reichen dem Maßlosen nicht: Er zieht sich einen knallgelben Regenmantel an und fährt mit einem kleinen Kahn aufs Meer - und das Hellblau, das jetzt anstelle eines hellen Brauntons Faustos Gesichtsfarbe ist, wirkt schon ein bisschen ungesund. Seekrank oder unterkühlt?

          Zur Übelkeit besteht kein Grund: Bei ruhiger See fährt der Besitzgierige hinaus, und nachdem er zweimal - „ich weiß, dass du mich hören kannst!“ - seinen Anspruch kundgetan hat, ist es ein sanftes Meer, das widerspricht und dem Mann auch einen Grund nennt, der in dieser kleinen, schlichten Fabel einen neuen Klang anschlägt: „Aber du liebst mich nicht einmal.“ Eigentum verpflichtet: Was das Grundgesetz zum Wohle aller festlegt, gilt auch für das Wohl des Zugehörigen. Jetzt ist es Fausto, der abstreitet, Fausto, der lügt. Und das Meer weiß, dass er lügt. So essentiell ist der Dialog des Bilderbuchs an dieser Stelle, dass Oliver Jeffers zwei Doppelseiten lang auf die Bilder komplett verzichtet. Erst als das Meer fragt, wie Fausto es denn lieben könne, ohne es zu verstehen, kehrt die Illustration zurück: Der Mann auf seinem Kahn deutet mit strengem Blick vor sich, als wolle er einem Hund befehlen, bei Fuß zu kommen. Natürlich widerspricht Fausto abermals, und diesmal überführt der Fortgang der Geschichte ihn der Lüge: Um aufzustampfen und so seinen Zorn und seine Wichtigkeit zu zeigen, steigt er über Bord - und verschwindet im Wasser.

          Nicht die erste so kühne wie wohlkalkulierte Zumutung in diesem Bilderbuch, das beim gemeinsamen Lesen mit Kindern zum Besprechen ebenso einlädt wie zum Schweigen: Während im Märchen die Zauberkraft, die Reichtum schafft, den maßlos gewordenen Menschen schließlich ins Elend des Anfangs der Geschichte zurückversetzt und Abgewählte in der Politik sich noch ein Weilchen mit der demokratischen Entwicklung schwertun dürfen, bevor sie vielleicht andernorts weiter ihre Fäuste ballen, geht hier der Titelheld unbelehrt und unbekehrt unter. „Dem Meer tat es leid um ihn, aber es machte einfach weiter wie bisher“, heißt es über dem nächsten Bild, das ein paar leichte Wellen andeutet, eine Möwe auf der Kajüte des Kahns ausruhen und die abgepflückte Blume an der Stelle im Wasser treiben lässt, an der Fausto aufstampfen wollte.

          Und der Berg? Und der See, der Wald, das Feld, der Baum und das Schaf? Auf den letzten Seiten dieses wie bei Jeffers gewohnt lakonisch-poetischen Buchs passieren sie noch einmal Revue. Und selbst die Blume zeigt mit einem neuen Blütenansatz, welche Bedeutung einer hat, der nur besitzen will, ohne Liebe und ohne Verständnis.

          Oliver Jeffers: „Die Fabel von Fausto“. Aus dem Englischen von Anna Schaub. Nordsüd Verlag, Zürich 2020. 96 S., geb., 18,– €. Ab 5 J.

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