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Adam Baron: „Freischwimmen“. Roman. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Verlag Hanser, München 2020. 224 S., geb., 15,– €. Ab 10 J. Bild: Hanser

Kinderroman „Freischwimmen“ : Sind zwei Väter besser als kein Vater?

Wie man sich dem ständigen Gedankentosen stellt: In Adam Barons Kinderroman „Freischwimmen“ beschließt ein neun Jahre alter Junge, das Geheimnis um den Zusammenbruch seiner Mutter und den toten Vater zu lösen.

          3 Min.

          Wie viele Versuche, aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen, sind schamvoll gescheitert? Je größer die gefühlte Nähe, desto üblicher die gedankliche Verirrung, man hätte das Kind verstanden. Man wisse, wie viel dem Kind warum egal sei und wie wenig aus welchen Gründen ausgesprochen wichtig. Man glaubt, sein Gedankentosen zu durchschauen und es sogar zwischen zwei Buchdeckel gießen zu können.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun haben wir es bei „Freischwimmen“ mit einem Autor zu tun, der sich auf der ersten ihm verfügbaren Seite als „Vater von Franklin, Vi und Frieda – ihr wisst schon: der Fußballtrainer der 4. Klassen“ vorstellt. Der hat zwar keine tragende Rolle, es handelt sich also um eine Art Gag. Dennoch fühlt sich das lesende Kind in uns zum Narren gehalten – als Erzähler sitzt dieser Adam Baron schließlich mitten im Kopf des Jungen, um den sich die Geschichte dreht. Noch misstrauischer machen die bereits auf den ersten Seiten eingeführten überdimensionierten Versalien, die Momente großer Aufregung oder Katastrophen kennzeichnen sollen, flankiert von einer sich anbiedernden Leseransprache: „Vielleicht denkt ihr: Oje, der Arme...“ In der Tat: der arme jugendliche Held dieser gerade erst begonnenen Geschichte.

          Der Junge aber, er trägt zu allem Übel noch den Namen Cymbeline, natürlich nach Shakespeare, hat ein bemerkenswert sonniges Gemüt. Er ist eines dieser Kinder, die beim Nachhausekommen die Werbeanzeigen aus dem Briefkasten holen und in der Küche verstreute Essensreste einsammeln, so viel Verantwortungsgefühl gibt ihnen der geistige Zustand ihrer Eltern vor. Sein Vater starb mutmaßlich, als er kaum ein Jahr alt war, aber seine Mutter gibt ihm häufig zu verstehen, dass sie noch immer trauert. Und während es in diesem Hause abends üblich ist, zusammengekuschelt auf dem Sofa zu sitzen und mit feuchten Augen Harry Potter zu schauen, ohne die Lasten der Vergangenheit zur Sprache zu bringen, läuft für Cymbeline in der Schule alles bestens, weil er ehrlich und hilfsbereit und ein guter Fußballer ist.

          Man beginnt, diesen Jungen zu mögen

          Probleme türmen sich auf, als der Schwimmunterricht auf den Stundenplan kommt. Cym hat aus ihm unbekannten Gründen nie schwimmen gelernt, aber nun soll er, das erwarten seine Freunde und die kluge Mitschülerin Veronique, den Klassenrowdy im Wettkampf bezwingen. Er verstrickt sich in Widersprüche, wundert sich über das merkwürdige Wort Kraulen, belügt seinen besten Freund, sinkt wie ein Stein zum Boden des Schwimmbeckens und wird entsetzlich blamiert. Und als wäre das nicht verstörend genug, verschwindet seine Mutter auch noch bis auf weiteres in einer Klinik.

          Dass ein Neunjähriger auch dem vorübergehenden Umzug zu seiner allem Materiellen zugeneigten, dafür emotional weitgehend verdorrten Tante noch mit Gleichmut begegnet, ist nicht unrealistisch. Was ihm dabei über seine Mutter im Kopf herumgeht, möchte man dann aber schon wissen. Und man erfährt es: „Mein toter Dad war für sie eine furchtbare Last, die sie niemals ablegen konnte. So schwer war diese Last, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, auch mich noch zu tragen.“ Cym geht es mies. Dennoch beschließt er, das Geheimnis um den Zusammenbruch seiner Mutter und den toten Vater zu lösen. Und so beginnt man, zwar nicht den Autor, aber diesen Jungen zu mögen.

          Wie es sich für ein Abenteuer gehört

          Natürlich ist es merkwürdig, dass seine Mutter ihm nie verraten hat, was aus seinem Vater wurde. Natürlich finden sich in der tiefen Schlucht zwischen der armen Künstlerfamilie und der sie umgebenden Welt der oberflächlichen Freuden einige geeignete Schablonen moderner Märchenerzählkultur. Es ist die Gedankenwelt Cyms, die der Geschichte mit all ihren kurzfristigen Ablenkungen, Überraschungen und tiefen Emotionen die innere Spannung verleiht: Ob es womöglich gar nicht so viel besser ist, zwei Väter zu haben statt keinem, fragt sich Cym einmal, als er sieht, wie unausgeglichen sein bester Freund Lance ist. Und wie verhält sich, nach jemandem benannt zu sein, der nur als Betrüger erfolgreicher Sportler wurde, zu einem Namen, der einem uralten britischen König gehörte?

          Dieser neugierige Junge beobachtet sehr genau: wie seine Tante beim Fechttraining seiner Cousine von „reinen Glückstreffern“ spricht und bei jedem dieser Glückstreffer missmutiger wird. Das ist bei aller in der Wahrheitssuche wabernder Einsamkeit und Zukunftsangst oft ziemlich komisch. Nur manchmal wundert man sich, wie viel dieser Junge doch schon reflektiert: Seine eigenen Probleme, stellt er in einem stillen Moment beinahe shakespearesk fest, hätten ihn für alles andere blind gemacht.

          Um das Geheimnis zu lüften und Cyms Mutter zu retten, finden sich am Ende praktischerweise alle Protagonisten und Freunde des Helden zum Showdown ein, wie es sich für ein Abenteuer gehört. Dem Gedankentosen kommen sie damit auch nur einen kleinen Schritt näher. Aber die Geschichte war es wert.

          Adam Baron: „Freischwimmen“. Roman. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Verlag Hanser, München 2020. 224 S., geb., 15,– €. Ab 10 J.

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