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Jan von Hollebens Wimmelbuch : Das läuft doch alles wie im Kinderspiel

Jan von Holleben: „Konrad Wimmel ist da!“ Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2015. 32 S., geb., 14,99 €. Bild: Thienemann-Esslinger Verlag

Zeichnen war gestern, Photoshop auch: Der Fotograf Jan von Holleben findet eine neue Gestaltung für das erfolgreiche Wimmelbuchprinzip.

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          Was hier passiert, ist ungewöhnlich. Nicht, weil auf diesen Bildern so viel passiert. Das Prinzip des Wimmelbuchs ist seit Ali Mitgutsch ein Klassiker der Bilderbibliothek. Und sein Prinzip ist noch viel älter; es geht zurück bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert und erreichte dann seine erste deutsche Nachkriegsblüte durch den „Nick Knatterton“-Zeichner Manfred Schmidt in dessen Bildern zu den Preisausschreiben der Illustrierten „Quick“. Das war natürlich keine Kinderlektüre.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Seit Mitgutsch gilt das Wimmelbuch nur noch als solche. Dabei ist der Spaß daran generationenübergreifend. Das bewies zuletzt vor allem Rotraut Susanne Berner mit ihrem Zyklus aus fünf wundervollen Exemplaren der Gattung, die von 2003 bis 2008 den vier Jahreszeiten und der Nacht gewidmet waren. Schauplatz der jeweiligen Handlung war stets die Kleinstadt Wimmlingen, die man so immer besser kennenlernte, denn was Berner dem Genre neu hinzufügte, war eine erzählerische Kontinuität, die auch immer wieder auf dieselben Figuren setzte, deren Erlebnissen man aber nur dann auf die Spur kommt, wenn man sich ordentlich Zeit fürs Betrachten der textlosen Seiten nimmt.

          Auf der Jagd nach der Handtaschendiebin

          Der Riesenerfolg der Bernerschen Bücher musste Nachahmer finden. Als zweifellos Geistvollster unter ihnen erweist sich nun Jan von Holleben. Der Siebenunddreißigjährige ist kein Zeichner, sondern Fotograf. Und er hat für das Buch „Konrad Wimmel ist da!“ (der Titel ist das Schlechteste daran) während vier Wochen in einer Berliner Schule mehr als 250 Kinder fotografiert, nach einem ausgefuchsten Produktionsplan, der jedem Kind unterschiedliche Kleidung und bestimmte Bewegungsabläufe oder Posen vorschrieb. Aus den entstandenen Bildern hat Holleben dann von all den Kindern bevölkerte doppelseitige Bilder montiert, die an jeweils wechselnden Schauplätze führen: in die Schule, einen Park, auf eine Erfindermesse, die Straße, den Spielplatz, in den Zoo und auf eine Geburtstagsfeier. Und jedes dieser sieben Tableaus setzt in Dutzenden kleiner Geschehnisse das jeweils vorherige fort. Das entspricht genau dem Bernerschen Erfolgsrezept.

          Ein Foto des Titelhelden Konrad ist gemeinsam mit dem zweier Freundinnen und eines Freundes auf der Rückseite abgebildet. Diese Gruppe kann man anhand ihrer auffälligen Kleidung auf allen Seiten leicht wiederfinden. Gemeinsam jagen sie eine Diebin, die einem alten Ehepaar (natürlich auch Kinder, aber kostümiert) die Handtasche geraubt hat. An der Verfolgung beteiligt sich auch noch ein Polizist, und schon hat man acht Hauptfiguren.

          So einfallsreich, wie Kinder sind

          Wobei jeder der vielen anderen Akteure genauso zur Hauptperson eines Ereignisstrangs taugt, dessen Ausgangspunkt man aber selbst finden muss. Erleichtert wird das durch Detailvergrößerungen, die sechs von sieben Doppelseiten folgen und einzelne Figurengruppen hervorheben, allerdings teilweise spiegelverkehrt und nie die zentralen acht Akteure, denn für deren Erlebnisse brauchen die Betrachter ja keinen zusätzlichen Ansporn. Dagegen bekommt man durch die Heraushebung große Lust, bislang unentdeckten Figuren zu folgen. Da hat Holleben eine wirklich gute Idee ins Wimmelbuchprinzip eingeführt.

          Sehr schön ist auch sein Verzicht auf naheliegende Requisiten oder gar Photoshop-Ergänzungen. Vielmehr werden etliche Handlungselemente wie Bäume, Autos, Tiere oder Häuser durch phantasievolle Bastelei mit Accessoires aller Art geschaffen: durch Kombination von Stühlen, Topfpflanzen, Kleidungsstücken oder Büchern - eben so einfallsreich, wie Kinder sind, die keine realen Bäume, Autos, Tiere oder Häuser für ihre Spiele zur Verfügung haben. So finden alle Ereignisse auf einem neutralen Papierbogen statt, der trotzdem kunterbunt belebt ist. Und rundum farbig gerahmt, so dass jede Doppelseite doch den Charakter einer abgeschlossenen Welt bekommt. Das sind sie ja jeweils auch, in einem Buch, das man überall mit Vergnügen aufschlägt

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