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„Die wilden Schulzwerge“ : Endlich mal richtige Hausaufgaben!

  • -Aktualisiert am

Meyer/Lehmann/Schulze: „Endlich Schule!“ Mit Bildern von Tine Schulz. Klett Kinderbuch, Leipzig 2015. 47 S., geb., 8,95 €. Ab 5 J. Bild: Klett Kinderbuch

Eigentlich hatte nach dem Kindergarten Schluss sein sollen mit der beliebten Kinderbuchserie. Aber jetzt gehen „Die wilden Zwerge“ doch in die erste Klasse. Aufgeregt sind vor allem die Eltern.

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          Eigentlich sollte nach dem Kindergarten Schluss sein. Aber in der Wirklichkeit hört das Leben nach dem Kindergarten ja auch nicht auf, und so ist es im Grunde nur logisch, dass die Buchreihe um die „wilden Zwerge“ nach deren letztem Tag in der Kindergartengruppe eine Fortsetzung findet. So war es zwar nicht gedacht. Aber die beiden Autoren, die sich hinter dem Pseudonym „Meyer / Lehmann / Schulze“ verbergen, haben sich eines Besseren besonnen und von ihren elf Zwergen nun vier auf dieselbe Schule geschickt. Fortan heißen sie „die wilden Schulzwerge“ und machen gleich deutlich, dass sie ihr Gütesiegel vollkommen zu Recht behalten.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn es ist keinesfalls so, dass die vier und ihre neuen Freunde angesichts der gewaltigen Veränderungen, die der Wechsel vom Kindergarten in die Schule mit sich bringt, in irgendeine Form von ehrfürchtiger Schockstarre verfallen. Im Gegenteil scheinen sie besser als manch Erwachsener begriffen zu haben, worum es von nun an geht. Der Morgenkreis, mit dem der Tag beginnt und bei dem alle sagen sollen, wie sie den Vortag verbracht haben, geht ihnen jedenfalls sofort auf die Nerven. Auf das Entdecken von einzelnen Buchstaben haben sie genauso wenig Lust wie auf das Einmaleins: Sofia will lieber gleich richtige Bücher lesen, und Ferdinand will rechnen, aber „mit großen Zahlen bis drei Millionen“. In der Schule gilt eben das Primat des Lernens. Und wo der Lernstoff nicht ausreichend angeboten wird, muss nachgeholfen werden - so wird die erste Gelegenheit, die Erwachsenen mit deren eigenen Waffen zu schlagen, erbarmungslos genutzt.

          Damit es wirklich ist wie in der Schule

          In dem kleinen Aufstand, den die Schulkinder anzetteln, muss man deswegen zwar noch keine versteckte Kritik an vermeintlichen Auswüchsen irgendeiner Kuschel-Schulpädagogik erkennen. Aber die Konsequenz, mit der die Autoren die vertraute Rollenverteilung immer wieder umkehren, wie sie Schüler den Ernst des Lebens einfordern lassen, während die Erwachsenen denselben noch etwas aufschieben wollen, wirkt nicht nur seltsam zeitgemäß. Diese Umkehrung entfaltet auch einen Witz, der sich erfreulich nah an die Ironie heranwagt: Um die Plätze in der ersten Schulbank geraten hier jedenfalls nicht mehr die Kinder in Streit, sondern die Mütter - und zeigen ihren Sprösslingen so zum ersten Mal, wie es ist, wenn einem die eigenen Eltern peinlich sind. Immerhin ein unvergessliches Erlebnis. Natürlich sind Eltern aber gleichzeitig Vorbilder, und Anton, der schon als Kindergarten-Zwerg ein Schlaumeier war, weiß genau, was seine Mutter seinerzeit getan hat, um ihre Interessen durchzusetzen: eine Demo! Was das ist? „Wenn man streikt, macht man einfach nicht mehr mit bei dem, was die Bestimmer wollen. Sondern man hält Plakate hoch und ruft Sachen“, erklärt er seinen Schulkameraden. Die Freunde sind von der Idee natürlich begeistert. Ihr unschlagbarer Slogan lautet: „Hopp hopp hopp - Langeweile stopp!“ Da muss selbst die Lehrerin lachen.

          Die frohe Kunde dieses Buches, die davon handelt, dass der Eintritt in die Schule also keineswegs das Ende der spielerischen Freiheit bedeutet, wird übrigens auch zeichnerisch unterstützt. „Endlich Schule“ ist der erste Band der Zwergen-Reihe, der nicht mehr von Susanne Göhlich, sondern von der 1981 geborenen Tine Schulz illustriert worden ist. Die Farbigkeit, der Wechsel von Porträts einzelner Figuren und Ansichten der ganzen Gruppe sind geblieben. Aber im Detail, und zwar vor allem in den Gesichtern der Schüler, lassen sich Veränderungen der Proportionen erkennen - etwa kleinere Stupsnasen und größere Augen -, die den Figuren eine Spur von ihrer Kindlichkeit nehmen und sie wacher aussehen lassen. Sie sind, man sieht und hört es zugleich, den Erwachsenen ein Stückchen näher gerückt. Angst vor der Schule? Ist was für Babys.

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