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Stian Holes Bilderbuch „Annas Himmel“ : Vielleicht ordnet Mama jetzt Gottes Bibliothek

Bild: Hanser

Kinderbücher über den Tod gibt es viele. Dieses ist anders: Stian Hole erzählt in „Annas Himmel“ in wundervollen Bildern, was für ein Abenteuer die Trauer sein kann.

          Dass der Himmel Blassblau trägt und die Wolken so weiß sind, ist unerheblich. Schließlich regnet es Nägel. Riesig sind sie und spitz, sie fallen dicht an dicht, und ob ein Schirm vor ihnen schützen könnte, ist fraglich. So ungemütlich ist das Bild, mit dem uns Stian Holes Bilderbuch „Annas Himmel“ empfängt, und das Gefühl, dass hier etwas aus den Fugen geraten ist, trügt nicht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn die Geschichte, die darin erzählt wird, beginnt kurz vor der Beerdigung von Annas Mutter. Der Vater, noch viel zu jung, um als Witwer durchzugehen, trägt einen Anzug und hält einen Blumenstrauß in den Händen, Anna sitzt auf der Schaukel und würde lieber darüber sprechen, dass manche Wörter sich von vorn und hinten gleich lesen, als in das Boot zu steigen und über den Fjord zur Kapelle zu fahren, deren Glocke schon zu läuten begonnen hat. Der Vater mahnt zur Eile, obwohl ihm, wie Anna registriert, vor der Beerdigung graut. Die Tochter aber entführt ihn zu einer Traumreise, um hinter dem Wasser in den dort gespiegelten Himmel einzutauchen und nach allem Möglichen zu suchen: nach Gott zum Beispiel, nach demjenigen, der „heute da oben Nägel vom Himmel regnen lässt“, wie Annas Vater sagt, „das sollte so nicht sein.“ Und seine Tochter flüstert, dass es morgen „vielleicht Erdbeeren mit Honig“ regnen wird.

          Was könnte sie jetzt unternehmen?

          Der norwegische Illustrator und Autor Stian Hole, Jahrgang 1969, ist in Deutschland kein Unbekannter. Mit seinen collagenhaften Bilderbüchern, die auf bravourös verfremdeten Vorlagen beruhen, hat er sich einen Namen gemacht, seit 2009 „Garmans Sommer“ auf deutsch erschien und ein Jahr später mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. „Garmans Straße“ und „Garmans Geheimnis“ folgten, und alle drei verband nicht nur die Bildsprache Stian Holes, sondern auch die Bereitschaft, große Themen aus Kinderperspektive zu diskutieren. Es ging um Liebe, um Schuld und auch schon um den Tod, auf den sich Garmans Tante Borghild vorbereitete, während der Junge seine Einschulung erwartete, und die großartige Vision einer Himmelfahrt, umgeben von Schmetterlingen und Blüten, die Stian Hole ins Bild setzte, schien die Tante ein wenig mit dem Unvermeidlichen zu versöhnen.

          Doch Annas Mutter starb als junge Frau, und wo in „Garmans Sommer“ der Tod als hinnehmbar erschien, muss das Mädchen hier zugleich den Verlust der Mutter verkraften und ihrem Vater in seiner eigenen Trauer helfen. Ein Weg dabei ist die Vorstellung, was die Mutter nun unternehmen könnte, wo immer sie jetzt ist: alten Freunden Besuche abstatten, Unkrautjäten im Paradies oder in Gottes Bibliothek einmal gründlich aufräumen. Und alle Doppelseiten, die solche Stationen im Bild darstellen oder den Text auch völlig frei interpretieren, sprechen vom Aufbruch der Mutter, von Freiheit, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie möglicherweise die letzten Wochen der Mutter vor ihrem Sterben gewesen sind.

          Jetzt ist er soweit

          All dies wird selten ausgesprochen, man muss es sich erschließen, und kaum einmal kann man sicher sein, dass die eigene Interpretation der Bilder restlos aufgeht - was wäre das auch für ein armseliges Buch. Klar ist aber auch, dass Stian Hole durch viele Signale vor Eindeutigkeit in der Weltanschauung warnt und dass Annas Freude an Palindromen kein Zufall ist, nicht nur weil ihr Name selbst eines ist. Man kann die Dinge von der einen und von der anderen Seite mit Gewinn anschauen, heißt das, und wenn es sein muss, führt der Weg in den Himmel erst einmal durch den Wasserspiegel in die Tiefe des Fjords. Da ist es ein Glück, dass Annas Vater, zögernd zwar, dann aber mit wachsender Entschlossenheit, seiner Tochter auf diesem Weg folgt: „Hier bin ich noch nie gewesen“, sagt er, als wunderliche Vögel, aber auch Tintenfische, Bücher und Lesesessel an ihnen vorbeitreiben, „ich bin froh, dass du mich mitgenommen hast.“

          Kinderbücher über den Tod gibt es viele, in letzter Zeit sind einige dazu gekommen, die davon sprechen, wie ein Elternteil mit einem Kind zurückbleibt. Vom Glück aber, den das gemeinsame Trauern seltsamerweise auch bedeuten kann, hat man so noch nie gelesen.

          „Endlich lächelt Papa“, heißt es, als sie wieder zurück an den Fjord gefunden haben. Nun ist er es, der auf der Schaukel sitzt, und Anna streichelt ihm tröstend über die Wange. „Jetzt bin ich so weit“, sagt er. Sie brechen auf. Und dann, auf der allerletzten Doppelseite dieses fabelhaften Buchs, regnet es tatsächlich Erdbeeren.

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