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Kinderbuch von Toon Tellegen : Die Wehmut ist ein Schal

  • -Aktualisiert am

Toon Tellegen: „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“. Mit Bildern von Marc Boutavant. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Hanser Verlag, München 2015. 80 S., geb., 14,90 €. Ab 6 J. Bild: Hanser Verlag

Rezepte gegen den Ärger, nicht nur für Trotzköpfe: Mit dem Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ sagt Toon Tellegen den Bosheiten dieser Welt den Kampf an.

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          Von allen Tieren, die ihr Dasein allein verbringen, ist der Klippschliefer vermutlich das einsamste. Wer weiß schon, was ein Klippschliefer ist? Und wer sollte es in der weiten Steppe, in der sein Haus steht, je erfahren? Der Klippschliefer kennt seine Gegend und weiß genau, dass es hier niemanden gibt, der sich für sein Elend interessiert. Er ist allein, wenn er abends auf den Hügel steigt und auf die Sonne schimpft, weil sie untergeht: „Nicht untergehen! Nein! Nein! Lässt du das bitte bleiben! Ich warne dich!“ Aber die Sonne denkt natürlich nicht daran, zu bleiben, sie verlässt den Klippschliefer jeden Abend. Und man kann sich ja vorstellen, wie es sich das anfühlt, die Enttäuschung darüber und auch die Wut.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Umso erstaunlicher ist es, dass der niederländische Kinderbuchautor Toon Tellegen diese Gefühle nicht etwa auflöst. Sondern das erste Kapitel seines jüngst ins Deutsche übersetzten Buches „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ mit einem Unbehagen enden lässt. Sein Klippschliefer - ein Tier, das der Illustrator Marc Boutavant in matt-dunklen Farben als ein mausähnliches Wesen ins Bild gesetzt hat - bleibt mutterseelenallein zurück. Und auch der Elefant, der im folgenden, zweiten Kapitel wider besseres Wissen auf eine Pappel klettert, herunterfällt und sich eine Beule holt, bleibt allein auf dem Boden liegen - „während die Zweige und Blätter der Pappel von oben auf ihn herunterfielen“.

          Nützliche Bosheiten

          Eine erste Ahnung davon, dass weder die Enttäuschung noch die Wut oder der Schmerz unveränderliche, gleichsam gottgegebene Zustände sind, bekommt der kindliche Leser erst im fünften Kapitel. Denn in der Geschichte vom Krebs sind Gefühle eine Ware, die man kaufen kann: die Wut, die der Krebs anbietet, ist hellrot und dünn, der Ärger runzelig und grau, die Wehmut hellblau und halb durchsichtig. Und weil man Letztere anlegen kann wie einen Schal - die Maus etwa „wickelte sich in die Wehmut und schaute in die Ferne“ -, kann man sie auch wieder ablegen. Indem Tellegen und Boutavant den unguten Gefühlen, die der Krebs als „Bosheiten“ bezeichnet, also eine Gestalt geben, machen sie sie beherrschbar. Die Wut? Lässt sich wegsingen, ins Meer werfen, aufessen, zusammendrücken oder mit einer anderen Farbe übermalen. Sie lässt sich auch einfach belächeln. Etwa dort, wo das Nilpferd und das Nashorn einander auf einem schmalen Pfad nicht Platz machen wollen und so lange sitzen bleiben, bis sie müde werden, umkehren und sich darüber freuen, eine so nette Bekanntschaft gemacht zu haben.

          All die Bosheiten, das lehrt Toon Tellegen, mögen somit zwar Zumutungen sein, weil sie einsam und ratlos machen - ein Zustand, den er durch die offenen Enden seiner kurzen Kapitel geschickt imitiert. Aber sie sind, das lehrt auch der Zeichner Marc Boutavant, ebenso formbar wie nützlich. Und dieser Gedanke dürfte nicht nur Trotzköpfe interessieren, sondern auch die Phantasie all jener anregen, die es mit ihnen zu tun haben.

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