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Kerstin Hensels „Rusalko“ : Ein Prinzesserich der Meere

Der Kuss als Erlösung: In Kerstin Hensels „Rusalko“, illustriert von Cornelia Seelmann, ist das im Wortsinn zu verstehen. Bild: Eulenspiegel Verlag / Cornelia Seelmann

Kerstin Hensel erzählt das Märchen von Rusalka neu: Als queeres Emanzipationsgeschehen mit hohem Wellenschlag.

          3 Min.

          Was wünscht sich die Nixe, die sich emanzipieren will? Nicht unbedingt das, was emanzipierte Frauen erwartet hätten: „Zierliche Füße, lackierte Zehennägel, schicke Schuhe, einen Mann, der die Hosen anhat, und endlich Luft zum Atmen“ will Unda. Mit Letzterem dürfte sie noch so einigermaßen teilen, was emanzipierte Zweibeinerinnen brauchen. Unda aber will vor allem den Fischschwanz loswerden. Nicht mehr Fensch oder Misch sein, also Mensch und Fisch zugleich und halb, sondern: Frau. Dafür gibt sie den erlösenden Kuss dem Erstbesten, der am Strand herumhockt: Dummerweise ist das ein besoffener Fischer. Und schon drei Flaschen Rum später atmet Unda zwar aus vollen Lungen. Kann sich aber zwischen Netzeflicken und Den-betrunkenen-Gatten-Besänftigen kaum mehr erinnern, dass es mal ein freies, schönes Leben gab. Allerdings unter Wasser und mit Schwanz.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Es gehört zu den gar nicht so offensichtlichen Kunstgriffen in Kerstin Hensels Unterwassermärchen, dass es sich aus zwei überlieferten Nixen- und Wassergeist-Geschichten nährt. Die eine ist die der romantischen Undine oder kleinen Meerjungfrau, die der Liebe wegen die Freiheit des Meeres opfert und selbst zum Opfer wird. Der andere Quell sind die Rusalken-Sagen aus dem slawischen Sprachraum, von denen die Oper „Rusalka“ von Antonín Dvořák wohl die bekannteste Bearbeitung ist. Von denen allerdings nimmt sich Hensel, bis auf wenige Details, nur den Namen: Rusalka. Schöner kann ein Mädchen schließlich fast nicht heißen, erst recht nicht, wenn es einen prachtvollen blauen Fischschwanz trägt. Es sei denn, dieses Nixenprinzesschen mit den hellgrünen Haaren wäre gar nicht das, was alle Unterwasserwelt von ihr erwartet. Sondern ein bisschen kräftiger, größer, ein bisschen temperamentvoller, viel weniger Mädchen, als es Tradition ist für Thronfolgerinnen.

          Während das Märchen von Undine sich im tristen Fischerdasein an der Seite eines Alkoholikers erst einmal ins Absurde verkehrt und Unda, die Gattin des Nixenkönigs Rochus, ein mehr als tristes Erdendasein als Preis der Selbstverwirklichung fristet, durchleidet die kleine Rusalka, ihre Tochter, die sie für High Heels und Hosenträger verlassen hat, unter Wasser das Mobbing der Meeresbewohner, die Anderssein nicht aushalten. Es ist der Vater, König Rochus, der erkennt und benennt, was sie ist: nicht Nixe, sondern Meerjungsfrau. Nicht Prinzessin, sondern Prinzesserich. Nicht Rusalka, sondern Rusalko. So ist Rusalko mit elf Jahren unübersehbar beides, Nix wie Nixe. Ist man dann nix? Oder nicht vielmehr alles?

          Kerstin Hensel, geboren 1961 im damaligen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, Schriftstellerin und nun seit 20 Jahren Professorin für Deutsche Verssprache und Diktion an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, nimmt sich das in jeder Hinsicht Besondere vor, um davon zu erzählen, wie Individuen sich aus Zuschreibungen befreien. Klingt sperrig, ist es aber ganz und gar nicht. Denn Hensel, die Fensch und Misch, Meerjungsfrau und Prinzesserich, tuscheln und kuscheln und noch viele Sprachspiele mehr souverän und selbstverständlich in die Welt älterer Vorleser und jüngerer Zuhörer einführt, verwendet sehr viel Bild- und Wortwitz auf ihre Geschichte. Die klingt nicht von ungefähr so, als erzähle eine Großmutter sie als Einschlafmärchen den Enkeln.

          Kerstin Hensel: „Rusalko“. Ein Unterwassermärchen. Mit Bildern von Cornelia Seelmann. Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin 2022. 40 S., geb., 18,– Euro. Ab 6 J.
          Kerstin Hensel: „Rusalko“. Ein Unterwassermärchen. Mit Bildern von Cornelia Seelmann. Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin 2022. 40 S., geb., 18,– Euro. Ab 6 J. : Bild: Eulenspiegel Kinderbuchverlag

          Auf dem Deckblatt steht Hensels Dank an ihre Enkelin Dshamilja, die ihr die Idee zu dieser Geschichte gegeben habe. Welche der unzähligen Ideen, die zuweilen das Kinderfabulieren bis zur Blödelei dehnen und noch hier einen Wellengang und dort eine Schlafmuschel in Rusalkos Universum auftun, das gewesen sein mag, wird nicht genannt. Vielleicht war es auch der Wunsch des Kindes, eine alte Geschichte befreit von den Genderklischees ihrer Entstehungszeit zu hören?

          Nixen sind schon immer queer, weil im Dazwischen, gewesen, das hat in der Spielzeit 2021/22 die Oper Stuttgart mit einer „Rusalka“ deutlich gemacht, die mit lippensynchron agierenden Dragqueens gearbeitet hat. Hensel erzählt dieses Anderssein eher beiläufig. So entwickelt sich „Rusalko“ als Erzählung, die vordergründig einen herzhaften Spaß an der Geschichte hat, in der der Wellengott, bestehend aus Wasser und Wut, Rusalkos Vater das Reich streitig machen will. Das ist an manchen Stellen regelrecht schmerzhaft zu viel an Wortspielen und neuem Personal wie dem Kuschelseehund Wubbel, den Wachrochen im Schlafsand und der Seeblume Anemone, aber egal – „Rusalko“ signalisiert, auch in den leuchtend blauen Illustrationen Cornelia Seelmanns, dass es absolut in Ordnung ist, nicht Mainstream zu sein. Und dass falsche Entscheidungen nicht das Ende sein müssen. Denn wenn es noch nicht gut ist, ist es eben noch nicht das Ende. Deswegen hat diese Nixengeschichte, anders als die Klassiker, auch ein Happy End – so viel sei verraten.

          Kerstin Hensel: „Rusalko“. Ein Unterwassermärchen. Mit Bildern von Cornelia Seelmann. Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin 2022. 40 S., geb., 18,– Euro. Ab 6 J.

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