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Kerry Drewerys Hiroshima-Roman : Wie stark doch das Leben ist!

  • -Aktualisiert am

In den Trümmern von Hiroshima suchen Helfer nach Überlebenden. Bild: Natsko Seki, 2020

Japans Stunde Null: In „Der letzte Papierkranich“ schlägt Kerry Drewery einen Bogen über drei Generationen. Der Hiroshima-Roman kreist tiefenscharf um Schuld, Scham und Heilung.

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          Die Sonne geht auf, steigt höher. Leuchtet hell“, so erlebt es der junge Mann in den Straßen von Hiroshima: „Anders als mein Herz. Mein Herz springt und fällt wieder herunter. Die Welt wird dunkel. Und mit ihr meine Seele.“ Die englische Autorin Kerry Drewery arbeitet in ihrem Roman „Der letzte Papierkranisch“ oft mit dem Sonnenmotiv – als Symbol Japans, des makellosen Sommertags an jenem 6. August 1945 und des Blitzes der Atombombe, der infolge von Druck- und Hitzewelle, Feuersbrünsten und radioaktivem Fallout Zehntausende Menschen tötete, die Innenstadt Hiroshimas ausradierte und die Welt in ein „Davor“ und „Danach“ teilte.

          Drewery erzählt auf zwei Ebenen: Die Rahmenhandlung ist geprägt vom Wunsch der jungen Mizuki, die Lebensgeschichte ihres von den Schatten der Vergangenheit bedrückten Opas Ichiro zu hören. Der zweite Teil handelt von der Freundschaft der Teenager Ichiro und Hiro, die sich gerade in Hiros Haus aufhalten, als die Bombe detoniert. Zunächst überleben beide Freunde schwer verletzt: Das Muster von Hiros Hemd ist in seine Haut eingebrannt. Doch ihre unmittelbare Sorge gilt neben ihren Müttern (ihre Väter dienen im Krieg) Hiros Schwester Keiko, die die Freunde im Kindergarten wähnen.

          Die Stadtwanderungen durch Japans Stunde Null tragen Züge von Keiji Nakazawas Manga „Barfuß durch Hiroshima“. Sie führen die Freunde in indirekten Evokationen des Grauens durch die zerbombte Stadt. Die Kuppel der Ausstellungshalle, die als Gerüst überlebt hat, ist ihr Orientierungspunkt. Beim Parcours durch das Inferno von Verletzten, Toten, Todgeweihten gilt das Primat eigenen Überlebens. Während vom Krankenhaus, in dem Hiros Mutter arbeitet, nur die „Eingangstür, die aufrecht wie ein Grabstein inmitten des Friedhofs einer Stadt steht“, zurückbleibt und die Läden in Shintenchi, wo Ichiros Mutter arbeitet, dem Erdboden gleichgemacht wurden, finden sie die am Bein verletzte Keiko schließlich in einem Park unweit des Kindergartens. Mangaesk-apokalyptisch schildert Drewery die Flucht des Trios vor Feuer und Hitze zum Fluss, wo der schwerverletzte Hiro schließlich aufgibt und untergeht, nachdem Ichiro ihm versprach, auf Keiko aufzupassen: Er will sich mit ihr zum nächsten Krankenhaus aufmachen.

          Kerry Drewery: „Der letzte Papierkranich“. Eine Geschichte aus Hiroshima. Roman. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Arctis Verlag, Hamburg 2020. 304 S., geb., 19,– €. Ab 14 J.
          Kerry Drewery: „Der letzte Papierkranich“. Eine Geschichte aus Hiroshima. Roman. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Arctis Verlag, Hamburg 2020. 304 S., geb., 19,– €. Ab 14 J. : Bild: Arctis Verlag

          Wo Worte nicht ausreichen, zeigen die Illustrationen von Natsko Seki wie etwa „Ein Bogen aus Sonnenlicht“ umherfliegende Gegenstände, die Auflösung des Bewusstseins und jeder Subjektivität im alles verschlingenden Weiß. Auch in seiner Sprache lebt das Antikriegsmanifest von starker Symbolik, wenn etwa der japanische Klassiker „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ als Roman um Liebe und Schuld, ein Präsent von Ichiros Vater, unversehrt bleibt vom „Blitz“ und als Talisman und Überlebenszeichen der Zivilisation Ichiros Odyssee begleitet.

          Die Szene, als Ichiro, der Keiko nicht mehr tragen kann, sie in bester Absicht neben einer ausgebrannten Straßenbahn zurücklässt, um im Krankenhaus Hilfe zu holen, sieht er noch Jahrzehnte später als seinen Sündenfall an: Weil er dort bleiben muss und später gar als Schwerverletzter nach Tokio verlegt wird, kann er sich nicht weiter um Keiko kümmern.

          Wieder etwas genesen, reist Ichiro mit dem Zug nach Hiroshima, über einen Monat nach der Bombe. Mit einer Liste von Anlaufstellen macht er sich auf die Suche nach Keiko. Drewery zeichnet Bilder des Neubeginns: Waisenkinder „klettern Schutthügel empor und springen über die Gräben dazwischen“. Ichiro findet Keiko nicht. Er hinterlegt an Schulen, Notunterkünften und Waisenhäusern mit seiner Adresse beschriftete Papierkraniche für Keiko – in Anspielung auf den Brauch, dass, wer tausend Kraniche faltet, einen Wunsch frei hat.

          Der zweite Teil der Rahmenhandlung führt nach Großvaters Jugendgeschichte und -beichte zum alten Ichiro und der Enkelin Mizuki zurück. Der lyrische Epilog schildert die Krux und Befindlichkeit Überlebender: „Nebelschwaden hängen über dem Boden, ziehen langsam vorbei wie Geister, die die Verlorenen suchen.“ Mizuki, die auf einer Überlebenden-Website auf Keikos Namen und Adresse stößt, fordert Opa zur Spritztour im Auto auf.

          Die schönste Stelle im Roman ist schließlich die, als Ichiro und seine Enkelin vor dem Anwesen Keikos im Auto verweilen, unsicher, ob sie die Richtige ist, doch geborgen im Himmel der Illusion erfüllter Suche, im „hoffnungsvollen Nichts“.

          So kreist der Roman tiefenscharf um Schuld, Scham und Heilung. „Ein einziger Lichtblitz hat alles verändert“, konstatiert die Erzählerin. Doch zuletzt ist es die Hoffnung, die noch im Atomzeitalter siegt: „Wie zart das Leben ist. Wie zerbrechlich. Und auch wie stark der menschliche Geist.“

          Kerry Drewery: „Der letzte Papierkranich“. Eine Geschichte aus Hiroshima. Roman. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Arctis Verlag, Hamburg 2020. 304 S., geb., 19,– €. Ab 14 J.

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