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Jugendbuch über Kaspar Hauser : Gibt es Menschen, die ihre Seele verloren haben?

Die Autorin beschreibt das Grauen schonungslos

Als dann sein Vater stirbt, ist Michael noch ein kleines Kind. Das Dasein im schützenden Kokon seiner Mutter hat ein Ende – sie hört auf, ihn zu tragen: „Vom feuchten Boden stieg die Kälte an mir empor. Ich senkte den Blick, und zum ersten Mal wurde ich meiner Beine und Füße gewahr.“ Auf seine eigenen Füße gestellt, ist das Leben für Michael und seine Mutter fortan eine Zumutung. Sie heiratet den Pfarrer Conrad Christian von Berger, dessen freundliches Gemüt sich schnell als bloße Maske herausstellt, hinter der sich reine Boshaftigkeit verbirgt. Michaels neuer Stiefvater ist autoritär, gewalttätig, abgrundtief böse, er quält ihn noch mehr, als seine Mitschüler das tun, er ist der „Totenkopffalter“ in Michaels Leben, der seiner jungen Mutter ihre gesamte Lebenskraft aussaugt, bis sie schließlich stirbt.

Dieltiens beschreibt dieses Grauen schonungslos. Eine Weile setzen Michael und seine Mutter ihre ganze Hoffnung auf eine Operation, die das Gesicht des Jungen retten soll. Als es endlich so weit ist, misslingt die Operation, und Michael sieht schlimmer aus als zuvor. Er leidet unsäglich. In dieser Geschichte wird nichts geschönt, an keiner Stelle. Eines Tages sperrt sein Stiefvater ihn für drei Tage in den Keller. Über Stunden kauert er mutterseelenallein in der Dunkelheit – in jeder Zeile ist die riesige Angst des Kellerkindes zu spüren.

„Woher weiß der Regentropfen, dass er keine Träne ist?“

„Kann ein Herz kaputtgehen?“, fragt Kaspar Hauser sein Tagebuch. Es ist schon kaputtgegangen. Der verschlungene Weg, der Michael zu Kaspar führt, endet nicht in einer Erlösung, sondern in einem weiteren Abgrund. Selbst Michaels Schutzengel in der Gestalt eines gewissen Johann Hennenhofer wird ihm als junger Erwachsener schließlich zum Verhängnis.

Wo Michael Opfer seiner eigenen Schuld wird, bleibt Kaspar das gebrochene Kind. „Es dunkelte schon“, schreibt Kaspar, „und ich sah den Mond und die vielen Sterne. Sie leuchteten von allein, ohne dass jemand sie angezündet hatte. Sie konnten so viel mehr als ich. Ich war nur ich selbst.“

Erst im Alter von sechzehn Jahren beginnt Kaspar, seines eigenen Ichs gewahr zu werden. Kristien Dieltiens gelingt es, diesen komplizierten Prozess auf einfache Weise über sein Tagebuch zu vermitteln, denn das ist geschrieben wie von einem Kind. „Woher weiß der Regentropfen, dass er keine Träne ist?“, fragt Kaspar. In seiner Welt denken die Dinge, sie haben eine Seele und einen Geist.

Eine Geschichte der Hässlichkeit in einer Gesellschaft der Perfektion

Die Sprache der Autorin ist kraftvoll und poetisch, ihre tieftraurige Geschichte bewegt; nur in der seitenlangen Erzählung von Rosika, der großen unglücklichen Liebe Michaels, will Dieltiens zu viel des Guten. Streckenweise entgleitet ihr die Liebesgeschichte, die dann verkitscht und sentimental wirkt – doch vielleicht lesen ältere Kinder, für die dieses ansonsten überaus spannende Buch geschrieben ist, solche Passagen anders als abgeklärte Erwachsene. Auch Vorahnungen, Aberglaube und Heiligenanbetungen finden in der phantasievollen Erzählung von Kristien Dieltiens ihren Platz.

Vor allem aber ist „Kellerkind“ eine Geschichte zweier Außenseiter, die um ihr Leben kämpfen. Es ist eine Geschichte der Hässlichkeit in einer Gesellschaft der Perfektion und Schönheit, die keine verunstalteten Körper duldet. Es ist eine Geschichte, in der es keine Heilung gibt. Wir brauchen diese Lektüre, gerade unter Kindern und Jugendlichen – vielleicht mehr als je zuvor.

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