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Kathrin Schärers Bilderbuch „Johanna im Zug“ : Jetzt lass uns allein, Autorin!

  • -Aktualisiert am

Bild: Atlantis

Ein leeres Blatt, ein paar Bleistiftnotizen auf Karopapier, dann die Vorzeichnung: Die Schweizer Künstlerin Kathrin Schärer zeigt, wie ein Bilderbuch entsteht. Und schlägt sich dabei mit einer recht widerborstigen Hauptfigur herum.

          Die Geschichte von „Johanna im Zug“, dem neuesten Werk der Schweizer Bilderbuchkünstlerin Kathrin Schärer, fängt schon auf dem Umschlag an: Ein kleines Schwein besteigt einen Zug, in der Hand einen Koffer. Auf dem Vorsatzpapier geht es weiter, man sieht allerdings nur die Hände der Zeichnerin an ihrem Tisch. Auf der nächsten Seite zeichnen sie auf dem eben noch weißen Papier einen Zug. Daneben liegt der Text als Entwurf auf kariertem Papier:

          „Ich zeichne einen langen Zug, einen Zug mit vielen Wagen. Ist das schon eine Geschichte?“

          Wir sehen also der Zeichnerin bei der Erfindung ihrer Geschichte über die Schulter. Ihre Hände lassen Figuren, Dialoge, Handlungen entstehen, sie entwirft verschiedene Varianten einer Handlung, weiß am Anfang noch nicht so recht, wie es weitergehen soll, bis die Hauptfigur, das Schwein Johanna, entsteht. Das Schwein dagegen weiß genau, was es will. So wünscht sich Johanna einen netten Mitreisenden. Den Wolf findet sie nicht so großartig, auch das Monster lehnt sie verständlicherweise ab. Als dann Jonathan, ein niedlicher Schweinejunge, erscheint, ist sie glücklich. So glücklich, dass sie ihre Autorin bittet, sie doch alleine zu lassen: „Ciao, du“.

          Das Buch als Spiel mit Lust und Phantasie

          Es ist bestimmt kein Zufall, dass auf dem Zeichentisch neben Pinseln, Farben und Stiften auch ein paar deutlich identifizierbare Bücher Schweizer Autoren liegen, die mit einigen Prämissen herkömmlicher Narration und Dramaturgie bewusst brechen: „Biografie. Ein Spiel“ von Max Frisch, Erzählungen von Dürrenmatt und „Der Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier.

          Frischs schwarzer Komödie, deren Held sein Leben noch mal von vorn und, auch wenn ihm das nicht glückt, ganz nach seinen Wünschen leben darf, entnimmt Schärer vielleicht den Einfall, auch den Gestalten ihres Bilderbuchs einige Autonomie zu gestatten. Bescheiden stellt sich das Schwein Johanna dabei nicht gerade an: einen Fleck auf der Schulter will es haben, einen schönen Namen und ein hübsches Kleid, nein, keines mit Blümchen, sondern mit Streifen. Und so weiter.

          Schärer inszeniert das Buch als Spiel mit Lust und Phantasie. Jede Seite bringt neue Ideen, Irrwege, also: Möglichkeiten hervor. Gleichzeitig zeigt es aber auch die Mühsal hinter jedem kreativen Prozess. Davon erzählen nicht zuletzt die nüchternen Bleifstiftzeichnungen des Arbeitstisches, auf denen die farbigen, schwungvollen Bilder von Johanna im Zug Schritt für Schritt entstehen, bis das fertige Buch, ebenfalls in Bleistift gezeichnet, auf dem Arbeitstisch liegt. Und eine ganz neue Geschichte beginnt.

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