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„Junger Adler“ von Chen Jianghong : Noch weißt du nichts

Die Natur - ins Menschliche übersetzt Bild: Moritz Verlag

Er ist der Star unter den chinesischen Bilderbuchautoren, hochdekoriert und gefeiert als Vermittler zwischen östlicher Zeichenkunst und westlichem Blick. Jetzt ist ein Meisterwerk Chen Jianghongs auf deutsch erschienen: Der gemalte Bildungsroman „Junger Adler“.

          Als der in Paris lebende Chinese Chen Jianghong vor vier Jahren mit seinem Bilderbuch „Zhong Kui - Ein Besuch in der Pekingoper“ in Deutschland debütierte, wollte man seinen Augen nicht trauen: Da zeichnet jemand auf fernöstliche Weise für westliche Augen, ohne dabei der eigenen Herkunft untreu zu werden.
          Das fängt mit dem Material an - Tusche und Wasserfarben auf Reispapier - und geht bis in die Posen der Figuren, die ihre Haltungen, Mimiken und vor allem Gesten der klassischen chinesischen Malerei entlehnen. Doch ein Prinzip immerhin wird konsequent verwestlicht: die Aufteilung der Bildgeschichte in einzelne Motive. In China wurde früher dagegen viel lieber auf einem großen Bild erzählt, das zu einer Breite von mehreren Metern ausgerollt werden konnte und dessen Handlung sich über die gesamte Fläche kontinuierlich entfaltete, ohne die einzelnen Szenen streng voneinander zu scheiden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch dieses Zugeständnis Chens an unsere Lese- und Sehgewohnheiten ist minimal angesichts seiner Geschicklichkeit bei der Fortführung der Tradition. Das bewiesen die beiden Folgebände „Han Gan und das Wunderpferd“ und vor allem „Der Tigerprinz“, und das belegt auch sein neuestes Buch, das der kaum genug dafür zu preisende Moritz Verlag uns nun beschert: „Junger Adler“.

          Chinas Zeichenkunst: Das wesentliche ist verborgen

          Schon die ersten beiden Doppelseiten bieten zwei Bildtypen, die auch dem unerfahrensten jungen Betrachter sofort die Stärken der chinesischen Malerei klarmachen werden. Den Auftakt bildet eine wie hingehuscht gezeichnete Bewegungsstudie, die einen reitenden Krieger zeigt, der mehrere schwerbeladene Bauarbeiter mit dem Schwert malträtiert. Mit simpelstem Pinselstrich wird hier größter Effekt erzeugt: Die Szene ist gleichermaßen dynamisch wie dramatisch, und die blassen Farben sorgen für die Hervorhebung des zentralen Geschehens, obwohl sich im Hintergrund noch Dutzende weiterer Arbeiter mühen. Dieses Verfahren zur Blicklenkung ist wiederum spezifisch westlich.

          Dann aber kommt ein drastischer graphischer Bruch: Vom Getriebe der Baustelle geht es in die Einsamkeit einer Bergprovinz. Nur mit schwarzer Tusche und Deckweiß modelliert Chen hier eine Winterlandschaft derart plastisch, daß man den Wind aus den Seiten wehen spürt und die Äste knarren hört. Im Vordergrund wachsen drei Kiefern - Symbol für langes Leben - auf felsigem Gestein, rechts außen führt eine Holzbrücke über einen zugefrorenen Bach zu einem nur angedeuteten Garten. Hinten türmen sich runde Bergriesen wie auf den schönsten Darstellungen des Fu-Chun-Gebirges, und ganz winzig schreitet in der Mitte, nur einfach gestrichelt und genauso blaugrau wie alles um ihn her, der Gelehrte Yang durch diese eisige Szenerie.

          Das Verbergen des eigentlichen Themas eines Bildes ist typisch für die chinesische Kunst, und wer solch ein Motiv einmal auf sich hat wirken lassen, betrachtet Abbildungen fortan anders. Deshalb geht man bei Chen in eine Schule des Sehens, die nichts Didaktisches an sich hat, sondern auf die pure Lust am Schauen setzt. Wir schauen etwa auf den Adler, den Meister Yang sich als Haustier hält. Wie er ins Bild gesetzt wird, ist gleich zweifach interessant und für uns ungewohnt: einmal nämlich, weil feste Größenverhältnisse zwischen Vogel und Menschen für Chen unerheblich sind, und dann, weil der Adler meist nur teilweise gezeigt wird, angeschnitten durch den Bildrand oder verdeckt von Elementen der Szenerie. Doch seine Darstellung entspricht immer jenen Idealen, die in der chinesischen Kunst wie für alle häufig gemalten Tiere, so auch für den Adler entwickelt wurden. Und das gleiche gilt für die Kampfkunst, die sich am Vorbild des Adlers orientiert hat: Auch da hat Chen die Tradition der Bewegungen exakt wiedergegeben, und das macht einen nicht unerheblichen Teil des Reizes aus, den dieses Buch hat.

          Perfektion braucht Zeit

          Die Handlung ist dagegen eher schlicht gestrickt: Der finstere General Zhao hat die Eltern eines kleinen Jungen getötet, der nun von Meister Yang großgezogen und in jener Kung-Fu-Kampfweise ausgebildet wird, die die Bezeichnung „Adler-Boxen“ trägt. Am Schluß kann der Junge Rache an Zhao nehmen und die Geheimnisse seines Meisters weitertragen.

          Wie Chen diese geradlinige Geschichte in Bilder setzt, das ist das eigentlich Staunenswerte. Mehr als bislang setzt er die Farbe als Stimmungsmoment ein. So schafft er einen zauberhaften kleinen Jahreszeitenzyklus in vier Bildern - eines der gängigsten Motive der asiatischen Kunst. Und wenn er auf einer Doppelseite das Training des Jungen inszeniert, ohne auf irgendein uns vertrautes graphisches Mittel für Dynamik zurückzugreifen, einfach durch die Aneinanderreihung von Kampf- und Meditationsposen vor einer roten Mauer, dann findet dieses Training auf einem großen Bild seinen Höhepunkt, wenn Junge und Adler aus Untersicht vor dem tiefblauen Himmel gezeigt werden - als flögen sie beide.

          Zu diesem Bild des Jungen lesen wir den Satz: „Damit glaubte er, die Vollkommenheit erreicht zu haben.“ Und das glauben wir als Leser auch. Doch dann fährt Chen auf der Folgeseite fort: „Zehn Jahre später sagte Meister Yang zu ihm: ,Noch weißt du gar nichts.'“ Für chinesische Ohren ist eine solche Erzählweise nicht einmal ironisch, sondern einfach selbstverständlich: Perfektion braucht ihre Zeit. Für unsere Ohren aber ist es ein grandioser komischer Effekt. Chen weiß das - wie er um alle Schwierigkeiten bei der Konfrontation von fernöstlicher Ästhetik und westlicher Leserschaft weiß und daraus Funken schlägt. Kaum etwas vermag uns deshalb das alte China auf so einleuchtende Weise nahezubringen wie seine Bücher.

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