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Julio Cortázars „Rede des Bären“ als Bilderbuch : Manches bleibt besser ungemalt

Bild: Bajazzo Verlag

Wenn sich zwei Könner wie der Autor Julio Cortázar und der Maler Emilio Urberuaga in einem Buch wiederfinden, kann man Großes erwarten. Warum geht die Sache bei der „Rede des Bären“ dann trotzdem schief?

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          Nichts gegen Julio Cortázar. Sein Roman „Rayuela“ ist schön wie Jazz, sein Prosaband „Geschichten der Cronopien und Famen“ voll verspielter Feinheit und sein Reisebericht „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ zarteste romantische Subversion. Wir können allen Lesern diesen großen argentinischen Autor, der vor fünfundzwanzig Jahren starb, nur ans Herz legen. Und nichts gegen Emilio Urberuaga. Die farbenfrohen, dabei nie gekünstelten, liebevollen, aber nur selten allzu lieblichen Illustrationen des Spaniers stehen vielen Kinderbüchern aufs Beste.

          Jetzt hat Urberuaga Cortázars „Rede des Bären“ aus den „Geschichten der Cronopien und Famen“ des Jahres 1962 bebildert und so zum Kinderbuch gemacht. Es ist ein schönes Buch geworden. Aber es verrät die Vorlage.

          Ein unvorstellbarer Bär wird vorgestellt

          Cortázars Bär erzählt, er wohne in den Leitungsrohren und halte sie sauber, und er sei es auch, der, in den Rohren unterwegs, die seltsamen nächtlichen Geräusche im Haus verursache. Den Menschen, jenen plumpen, einsamen Wesen gegenüber fühlt er „etwas wie Mitleid“ und liebkost ihre Wangen, wenn sie sich morgens das Gesicht waschen.

          Das ist bezaubernd, und jeder, der diesen kleinen Text kennt, wird lächeln, wenn er es wieder einmal nächtens gluckern hört. Dieser Bär, der den Menschen hilft, wenn er nicht gerade seinen Schabernack mit ihnen treibt, ihre Empfindlichkeit belächelt oder ihr Alleinsein bedauert: Er ist groß genug, um in der Dachzisterne sein sommernächtliches Bad zu nehmen. Und er ist zugleich klein genug, um durch die Leitungen rutschen, gehen, langen und lecken zu können. Er ist, in Cortázars Prosa, eigentlich unvorstellbar. Und spielt gerade so mit der Vorstellungslust der Leser.

          An den schönsten Momenten gescheitert

          Urberuaga aber hat ihn entzaubert, indem er ihm Form, Figur, Gesicht gegeben hat: als tapsiges Tier, mal doppelt so groß wie eine Katze, mal doppelt so groß wie ein Mann. Es sind es die schönsten, die rätselhaften, poetischen Momente des Textes, an denen das Bärenbild scheitert: die Momente der Begegnung mit uns Menschen. Sie zeigen, dass die „Rede des Bären“ nicht zum Bilderbuch taugt. Es sei denn, man würde den heimlichen Nachbarn auch in der Illustration verheimlichen, seine Welt aus seiner Sicht zeigen oder aus Sicht der Menschen, die ihn nur hören, riechen, spüren, aber eben nicht sehen können.

          Immer wieder werden Passagen, Geschichten, Gedichte, die ursprünglich nicht für Kinder gedacht waren, den Kleinen bebildert nahegebracht, immer wieder werden Weltliteratur und Kinderbuch auf diese Art kurzgeschlossen, und jedem dieser literaturphysikalischen Versuche gehören zunächst einmal die Sympathien der Leser, die den Zauber des eigenen Lesens als Erwachsener mit dem Zauber des Vorlesenes für Kinder vereint sehen möchten. Diesmal aber funkt es nicht.

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