https://www.faz.net/-gr3-9dpzc

Ursula Poznanski: „Thalamus“. Loewe Verlag, Bindlach 2018. 448 S., br., 16,95 Euro. Ab 14 J. Bild: Loewe Verlag

„Thalamus“ von Ursula Poznanski : Wer spricht da mit meiner Stimme aus meinem Mund?

Versuch über das Marionettentheater: In Ursula Poznanskis neuem Roman „Thalamus“ entdeckt ein hilfloser Jugendlicher seltsame Vorgänge in einer Reha-Klinik.

          3 Min.

          Etwas sagen zu wollen und nicht zu können, weil der Mund nur dumpfes Geheul produziert anstelle von verständlichen Worten, ist eine albtraumhafte Erfahrung. Entsetzlich aber ist, wenn auf einmal zwar doch die eigene Stimme klar artikuliert zu hören ist, aber die Worte nicht von einem selbst stammen. Timo jedenfalls, der nach einem Unfall in der Reha-Klinik „Markwaldhof“ liegt, hört sich selbst plötzlich Drohungen gegenüber dem behandelnden Arzt ausstoßen. Als der dann „Aber Timo!“ sagt, antwortet die Stimme des Jungen nur: „Ich bin nicht Timo!“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Niemand ist darüber erschrockener als Timo selbst, der Held in Ursula Poznanskis neuem Roman. Der trägt den Titel „Thalamus“, was ihn unter ähnliche wie „Elanus“, „Erebos“ oder „Aquila“ reiht, allesamt frühere Romane der fleißigen Autorin. Und wie in vielen ihrer Bücher steht auch hier ein Jugendlicher wenigstens anfangs allein einer avancierten Technik gegenüber, die im Hintergrund wirkt und erst nach und nach in all ihren Auswirkungen von ihm begriffen wird: einem zunehmend selbständiger agierenden Computerspiel in „Erebos“, einer Geheiminformationen übermittelnden Brille in „Layers“, einem Armband, das die biologischen Daten seines Trägers erhebt wie in der „Die Verratenen“-Trilogie.

          Um Biologie geht es auch in „Thalamus“ – der Titel verweist auf das Hirnareal, in dem Sinneswahrnehmungen verarbeitet werden. Der Schauplatz des Romans ist fast ausnahmslos jener Markwaldhof, in dem Patienten langsam wieder gehen oder sprechen lernen. Timo, der mit schweren Hirnverletzungen eingeliefert wurde und anfangs kein Glied koordiniert bewegen kann, ist geistig hellwach, wenigstens was seine gegenwärtige Existenz angeht. Bilder aus seinem früheren Leben und vor allem von seinem Unfall sind dagegen seltsam unwirklich, sie könnten, glaubt Timo, „ebenso Einbildung wie eine Erinnerung“ sein. Was genau mit ihm passiert ist, weiß er jedenfalls nicht mehr. Und was seine Freundin Hannah angeht, zu der er damals unterwegs war, als er seinen Unfall hatte, ist die Unsicherheit besonders groß: „Manchmal zweifelte er daran, dass sie wirklich existierte, und das waren die quälendsten Momente. Es war ja auch möglich, dass er sie nur erträumt hatte, und sein kaputtes Gehirn gaukelte ihm nun vor, dass es sie gab. Keine Chance, das Gegenteil zu beweisen.“

          Den eingetretenen Kontrollverlust, seit jeher eine der gängigsten Ängste im Zusammenhang mit einem Krankenhausaufenthalt, nimmt jedenfalls auch Timo deutlich wahr: „irgendwie entwürdigend, aber das galt sowieso für die ganze Situation hier“. Tatsächlich ist „Kontrolle“ ein geheimes Zentrum dieses Romans. Wo Erinnerungen fragwürdig werden und einfachste Bewegungen nicht mehr selbstverständlich sind, wo Worte gedacht, aber nicht mehr artikuliert werden können, da kreist alles um das Wiedergewinnen der Kontrolle über den eigenen Körper. Timo allerdings muss nicht nur erleben, dass er nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Er argwöhnt auch, dass ein anderer in dieses Haus eingezogen ist – am deutlichsten etwa, wenn sein Sprachzentrum versagt und ein anderer ihn stattdessen klar und deutlich Worte aussprechen lässt, die er niemals sagen wollte.

          Worum es über das Medizinische hinaus geht

          Ursula Poznanski ist eine versierte Autorin, die mit Leichtigkeit Spannung aufbaut und über 450 Seiten hält. Dass etwas nicht stimmt im Reha-Zentrum, wird rasch deutlich, und ebenso, dass Timo ganz klassisch nicht wissen kann, wem er trauen darf. Hinzu kommt Poznanskis kluge Konstruktion, dass Timo einiges herausfindet, was er aber mangels klarer Artikulation niemandem mitteilen kann – auch das Schreiben ist ihm fast unmöglich. Timo registriert verblüfft, dass einige der Patienten ungewöhnlich rasche Fortschritte machen, nicht zuletzt er selbst, dass sich aber auch immer wieder scheinbar grundlose Rückschläge einstellen, ein Auf und Ab bis hin zu lebensbedrohlichen Krisen, denen tatsächlich zwei Patienten zum Opfer fallen.

          Irritierend aber sind vor allem die Begegnungen mit anderen Patienten, etwa mit seinem Zimmernachbarn Magnus, einem jungen Mann im Wachkoma: „Wieder jemand, der nur noch aus Körper bestand, eingesperrt in sich selbst, ohne Kontakt zur Umwelt“, denkt Timo. Bis Magnus eines Nachts offenbar kerngesund vor Timos Bett steht und ihn bedroht – er könne jederzeit ein Kissen nehmen, sagt Magnus, und den wehrlosen Mitpatienten ersticken. Am nächsten Morgen liegt Magnus wieder wie zuvor in seinem Bett, reagiert auf nichts und hat offenbar keinerlei Kontrolle über seinen Körper. Niemand würde Timo seine Geschichte glauben. Ganz abgesehen davon, dass er keine Möglichkeit hat, sich mitzuteilen.

          Dass es in diesem Roman wesentlich um die Ambivalenz medizinischer Forschung geht, wird rasch deutlich, die ethische Dimension fehlt hier so wenig wie in sämtlichen anderen Romanen der Autorin. Vielleicht aber ist der Name, den die Autorin dem Chefarzt verliehen hat, ein Hinweis, worum es ihr über das Medizinische hinaus geht. Er heißt Kleist, so wie der Autor des berühmten Aufsatzes „Über das Marionettentheater“. Darin werden Menschen mit den Figuren des Puppentheaters verglichen, die erst mit großer Grazie wie an Fäden bewegt werden, dann ohne die plötzlich durchtrennten Fäden die frühere Sicherheit verlieren und schließlich, so die Utopie, in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Fäden zu führen, Puppe und Marionettenspieler in einem. Fremd ist dieses Ziel den Betreibern dieser Klinik sicher nicht. Und Poznanski schildert, was dabei alles verlorengeht.

          Weitere Themen

          Beten hilft nicht mehr

          Hanks Welt : Beten hilft nicht mehr

          Unsere Gesundheit hat mehr mit dem Kapitalismus zu tun, als wir vielleicht vermuten. Und „Schicksal“ sind Pandemien schon lange nicht mehr.

          Topmeldungen

          Fast immer in Bewegung: Söder mit Duderinos

          Fraktur : Fast immer in Bewegung

          Wie geht man in den Zeiten von Corona richtig? Markus Söder und Hubert Aiwanger führen es uns vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.