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Meg Rosoff: „Sommernachtserwachen“. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2021. 256 S., geb., 15,– €. Ab 14 J. Bild: S. Fischer Verlag

Meg Rosoffs neuer Jugendroman : Himmel, muss er schön sein!

Blicke können täuschen: In ihrem Jugendroman „Sommernachtserwachen“ erzählt Meg Rosoff von einem rücksichtslosen Verführer.

          3 Min.

          Schon zu Anfang von Meg Rosoffs Jugendroman „Sommernachtserwachen“ weiß man, dass alles kein gutes Ende nehmen wird. Dabei geht es doch um die große Liebe, „die wunderbarste, lebensveränderndste Sache der Welt“. Und um den einen Blick, nachdem es um die Verliebten geschehen ist. Das klassische Thema für einen Sommerroman also. Umso besser die Gelegenheit, diesen allgegenwärtigen Traum einmal krachend Realität werden zu lassen. Der deutsche Titel ist in dieser Hinsicht sehr passend gewählt. Denn wenige Zeilen nach den großen Worten über die Liebe heißt es: „Ich schaute ihm in die Augen, und ich spürte es sofort. Das Dumme war nur, dass alle anderen es auch spürten. Allen anderen ging es so wie mir.“

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nach so einem Einstieg möchte man natürlich mehr wissen über den jungen Mann, der hier gemeint ist. Den wunderschönen, von allen begehrten Kit Godden, „The Great Godden“, wie der englische Originaltitel heißt. Es geht aber erst einmal gemächlich los. Mit der Bilderbuchfamilie der Erzählerin, Eltern und vier Kinder, die jeden Sommer in einem Bilderbuchhaus am Meer verbringt. Gleich ums Eck haben Hope, die jüngere Cousine des Vaters, und ihr Partner Mal ihr Sommerdomizil. Die beiden sind lustig, charmant, „Weltmeister in allen sommerlichen Vergnügungen – Trunkenheit, taktlosen Bemerkungen, nächtelangen Pokerspielen“. Kurzum: ein Traumpaar. Und sorgen mit ihrer geplanten Hochzeit zugleich für den möglichen Höhepunkt des Romans.

          Erst volle Aufmerksamkeit

          Es kommt dann aber doch alles anders. Und das liegt an ebenjenem Kit, Sohn der berühmten Schauspielerin Florence Godden, der gemeinsam mit seinem Bruder Hugh den Sommer im Haus von „Malanhope“ verbringt, wie das unzertrennliche Paar in der Familie der Erzählerin genannt wird.

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          Es soll hier nicht verraten werden, wie im Einzelnen Kit das gesamte, über Jahre aufgebaute Sommeridyll nahezu vollständig demontiert – man kann es sich ja denken. Denn Kit ist einer dieser Männer, die ihre ganze Kraft daraus ziehen, begehrt zu werden. Und deshalb mit viel Geraune und tiefen Blicken dafür sorgen müssen, dass sich auch wirklich jeder in sie verliebt. Ein Mann, den man heutzutage als „toxisch“ bezeichnen würde, weil er missverständliche Signale sendet und diejenigen, die sich in ihn verlieben, mit Zuckerbrot und Peitsche an sich bindet: erst volle Aufmerksamkeit, dann Liebesentzug.

          Was es mit der Liebe auf sich hat

          Diese Dynamik und ihre zerstörerische Wirkung sind ziemlich gute Themen für einen Jugendroman. Schließlich gibt es immer noch mehr als genug Ratgeber, die vermitteln, die eigenen Verehrer (meist, in diesem Roman aber nicht nur: Frauen) schlecht zu behandeln sei der Weg zu einem erfüllten Liebesleben. Und auch „Sommernachtserwachen“ schlägt zu Beginn in diese Kerbe. Schließlich hat Kit Godden mit seiner Masche tatsächlich Erfolg. An manchen Stellen auf eine fast schon übertriebene Weise: In Minutenschnelle sind ihm die unterschiedlichsten Personen, inklusive der Erzählerin, nicht nur ein bisschen, sondern so restlos verfallen, dass sie dafür all ihre sonstigen Beziehungen aufs Spiel setzen und sich gar zu schnellem Sex am Straßenrand hinreißen lassen. An einer Stelle des Romans heißt es: „Nicht zum ersten Mal wunderte ich mich über die abartigen Werte der menschlichen Spezies, denen zufolge Schönheit fast alles übertrumpft, einschließlich Güte, Geld und Talent.“ Als Leserin geht es einem kaum anders. Kit Godden, der sich nicht sonderlich durch kluge oder lustige Äußerungen hervortut, muss wirklich ganz außergewöhnlich schön sein.

          Meg Rosoff versäumt es allerdings auch nicht, deutlich zu machen, zu welchem Preis man sich auf den schönen Schein – der bis zum Schluss seine Faszination nicht gänzlich verliert – einlässt. Und beschreibt deshalb umso ausführlicher das Idyll, in dem sich die Familie befindet. Nach einer Weile ist das ganze Weintrinken (so viel Wein!) und Abendessen aber doch auserzählt. Pferde, Hunde, Tennis und Segeln: man weiß irgendwann, welche Freizeitaktivitäten die gehobene britische Mittelschicht bevorzugt. Ja, es braucht eine gewisse Fallhöhe. Aber ein bisschen mehr Spannung würde auch nicht schaden.

          Nichtsdestotrotz bleibt man dran. Um am Ende zu lernen, was genau es mit der Liebe, von der am Anfang so blumig die Rede war, in der nüchternen Realität auf sich hat: Die Begegnung mit Kit Godden ist tatsächlich für alle Beteiligten lebensverändernd. Doch weder im Guten, noch so, wie man es erwartet hatte. Genau genommen war es wahrscheinlich nicht einmal Liebe.

          Meg Rosoff: „Sommernachtserwachen“. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2021. 256 S., geb., 15,– €. Ab 14 J.

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