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Jugendroman „Im Jahr des Affen“ : Danke für den Küchengott

  • -Aktualisiert am

Que Du Luu: „Im Jahr des Affen“. Roman. Königskinder Verlag, Hamburg 2016. 288 S., geb., 16,99 €. Ab 14 J. Bild: Königskinder

Integration für Boat-people: Que Du Luu widmet Wächterlöwen zur Spülmaschine um. Ihr Jugendroman „Im Jahr des Affen“ ist ein Kammerspiel um Flucht, Alterität und Identität.

          2 Min.

          Das gegenwärtige „Jahr des Affen“ steht für Veränderung, denn Affen sind immer in Bewegung. Das Jahr des Affen, in dem der stark autobiographische Flüchtlingsroman der 1973 geborenen Que Du Luu spielt, ist aber 1992.

          Dreh- und Angelpunkt - und süßsaures Dekor - ist das China-Restaurant „Hongkong“ in Herford, dessen Mitarbeiter aus Vietnam stammende Chinesen sind. Die vorlaute junge Ich-Erzählerin Mini steht dem Vater, dem Restaurant-Chef Tu, in den Schulferien bei (die Mutter ist seit Jahren verschwunden), außerdem sind da der Koch Bao, der Thekenmann Ling und der aus Australien zu Besuch hineingeschneite Onkel Wu. Im Kammerspiel um Flucht, Alterität und Identität führt Minis Selbstsuche zu den Wurzeln früher Kindheit. In Gesprächen mit Bao und Onkel Wu kommt sie der privaten und historischen Tragödie der „Boatpeople“ auf die Spur und erfährt Schlaglichter der Geschichte: Einmarsch der Kommunisten in Saigon 1975, Willkür der aus dem Norden stammenden Bürokraten, Umerziehungslager, Zwangsarbeit und schließlich der Exodus von 1,5 Millionen Menschen in übervollen Booten. Auch Tu und Mini flohen 1976 aus der südvietnamesischen Chinatown Cholon und kamen nach Deutschland. Expressive Bilder erzählen vom Übergang in eine andere Welt.

          Kein Geld für Wächterlöwen

          Die Turbulenzen beginnen, als der Vater wegen Herzinfarkts eine Zeitlang außer Gefecht gesetzt ist. Mini bemerkt, dass Bao im Restaurantkeller haust und Ling keine Arbeitserlaubnis hat, der pragmatische Onkel Wu bekrittelt, dass Mini nur deutsche Freundinnen hat und mit einem deutschen Jungen flirtet. Doch der Feng-Shui-Experte entpuppt sich während der Abwesenheit des Vaters als einigende Kraft. Für die geschäftliche Flaute macht er das Fehlen von Wächterlöwen, die am Eingang die Energie umleiten, oder eines die Geschäfte überwachenden Küchengotts verantwortlich, gibt aber auch pragmatische Tipps wie die Einführung eines Lieferservice.

          Die auf Deutsch schreibende Autorin, deren Familie ein China-Restaurant in Bielefeld führte, entwirft in ihrem vom Dialog und Ratespiel um Herkunft und Heimat lebenden Buch ein Kaleidoskop der Identitäten. Als Onkel Wu einen typisch deutschen Hirsch zwischen Weinflaschen entdeckt, ruft er aus: „Ah, das Vier-nicht-ähnlich-Tier!“ und erklärt der in Chinas Mythologie unbewanderten Mini: „Es gleicht vier Tieren nicht, deswegen heißt es so“, was Mini auf den Gedanken bringt, der „Vielen-nicht-ähnlich-Mensch“ zu sein. Als später der nach Australien heimgekehrte Onkel Wu Geld für einen Küchengott und zwei Wächterlöwen schicken will, freut sich Mini zwar auf den Küchengott. Gemäß dem Motto „Das Beste aus zwei Welten“ aber will das pragmatische Mädchen das Geld für die Wächterlöwen sparen. Und lieber eine Spülmaschine kaufen.

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