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„Eisvogelsommer“ von Jan De Leeuw : Wenn wir Toten die Überlebenden trösten

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Jan De Leeuw: „Eisvogelsommer“. Roman. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2016. 256 S., geb., € 16,95. Ab 15 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Jan De Leeuw kennt einen Zufluchtsort für die Liebenden. Sein Jugendroman „Eisvogelsommer“ beschreibt Achterbahnfahrten auf der Nachtseite des Lebens wie Todesfälle und Bewältigungsstrategien, Trauer und Trauerarbeit.

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          „Kann ein Herz, das nicht mehr schlägt, noch brechen?“ Die Frage steht im Zentrum von „Eisvogelsommer“, dem neuesten Romans von Jan De Leeuw. Der belgische Autor, der vor sechs Jahren mit der Satire „Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus“ bekannt geworden ist, beschreibt auch hier Achterbahnfahrten auf der Nachtseite des Lebens wie Todesfälle und Bewältigungsstrategien, Trauer und Trauerarbeit. „Hier passierte es, hier in diesem Kasten, der durch die Nacht flog“, so beginnt die Geschichte zweier füreinander bestimmter Seelen ganz klassisch in der Schiffsschaukel einer Kirmes: „Wir brüllten um die Wette. In ihren Haaren schimmerten die Sterne. Noch nie war ein Jungenherz auf geräuschvollere Weise verlorengegangen.“

          Im Zentrum des Familienmelodrams stehen die postumen Reminiszenzen des sechzehnjährigen Ich-Erzählers Thomas. Seine Träume, ein berühmter Schriftsteller zu werden und in ewiger Liebe mit seinem Schwarm Orphee verbunden zu sein, endeten jäh bei einem Autounfall. Neben der bis zum Selbstmordversuch um ihn trauernden Orphee gibt es die Figur der einem übersteigerten Totenkult frönenden Mutter, deren eifersüchtig bewahrtes Recht auf Trauer die Beziehung zum Ehemann abklingen lässt.

          Liebes- und Schmerzerfahrungen mehrerer Epochen

          Die versuchte Kommunikation zwischen den Lebenden und den Toten ist der rote Faden des Romans: So kommentiert Thomas immer wieder aus dem Off das Geschehen oder taucht unvermittelt zu postumen Dialogen und Streitgesprächen auf - sogar in einer Umkleidekabine, in der sich Orphee für Thomas’ besten Freund Bram herausputzt. Auch seine Mutter redet unbeirrt mit ihm als dem großen Abwesenden der Geschichte. Und der vereinsamte Großvater, zu dem sie den Kontakt wegen eines „großen Streits“ abbrach, redet gleich mit mehreren Toten, „denn die Lebenden besuchen ihn selten“.

          Seinen realen und imaginierten Zuhörern kredenzt der mitteilungsbedürftige Alte Geschichten „voll Schnee und Tod“. Sie beschwören ein fast mittelalterliches dörfliches Ambiente herauf, eine magische Welt voller Fabelwesen und „wunderkräftiger Hügel“, die den Liebenden über Generationen als Zufluchtsort galten. In Zeitsprüngen zwischen Liebes- und Schmerzerfahrungen mehrerer Epochen dient die Fiktion in der Fiktion - zunächst hatte De Leeuw eine Kurzgeschichtensammlung geplant - der Auflösung der Familiensaga.

          Bis die Grenzen verschwinden

          Leitmotivisch in Großvaters Geschichten um Initiation, Liebe und Tod sind Bilder der Kälte wie der Eisvogel als Todesbote - Großvaters Mutter, älterer Bruder und Neffe starben bei einem Hofbrand - oder Zeitstillstand und Froststarre. Auch Orphee kokettiert mit ihrem „Herz aus Eis“. Doch das Frostmotiv im Roman spiegelt auch Kältegrade der kapitalistischen Gesellschaft. Erst gestohlene Augenblicke auf der Lichtung im Wald über der Stadt und der „kleine Tod“ der Liebe lassen die Helden dieser Kälte entkommen: „Die Stadtgeräusche waren ein Echo von unbedeutendem Leben ohne Liebe. Ich spürte Dein Herz.“

          De Leeuw zeichnet die vielfältigen Dilemmata der Hinterbliebenen zwischen Trauer, Schuldgefühl des Weiterlebens und Wut auf den Bruch des Treueschwurs ewiger Liebe durch den Tod, zwischen Vergessen als Verrat und der Notwendigkeit des Verwindens, der Suche also nach dem schmalen Pfad des Weiterlebens und Neuerfindens der Liebe. Das Buch lebt vom Wechsel der Perspektiven: Im Nebeneinander der Trauerformen, Sterbensarten und Todesahnungen, in Zeitsprüngen und postumen Puzzlespielen jongliert der Roman zwischen Dies- und Jenseits, bis die Grenzen verschwinden.

          Eine durchaus hoffnungsvolle Note

          Im Universum De Leeuws erscheinen denn auch die wie in Schockstarre ihrem Alltag nachgehenden Durchschnittsmenschen als Marionetten. Exkurse zu großen Trauernden der Geschichte wie Johanna der Wahnsinnigen, die den Sarg ihres Mannes in eine Kutsche packte und damit durchs Land zog, machen das Buch auch zu einer Kulturgeschichte des Abschieds.

          Dagegen stellt der Autor die Jahreszeiten des Lebens und auch der Liebe. Die Unaufhaltsamkeit der Verlustgeschichte, die sich im Tod auch der Erinnerung an die Toten erschöpft, erscheint so letztlich auch im Sinne der von uns Gegangenen.

          Das bekräftigt nicht zuletzt der verstorbene Thomas, der dem Roman schließlich eine durchaus hoffnungsvolle Note gibt: „Die Erde war eine müde Schläferin, zog ein Augenlid hoch und ein Halbkreis aus Licht glitt durchs Dunkel. Der Tag konnte beginnen. Komm, Liebes, verlass dein Zimmer, und geh hinein in die Welt.“

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