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Susan Krellers „Schneeriese“ : Splitter im Auge und im Herz

  • -Aktualisiert am

Bild: Carlsen

Wenn sich die beste Freundin in einen schönäugigen Schnösel verliebt, kann man durchaus verzweifeln. In ihrem Jugendroman „Schneeriese“ erzählt Susan Kreller von einem Ausweg.

          2 Min.

          Nicht ein Mal fällt das Wort „Pubertät“, diese fiese Zeit, die Heranwachsende wie Eltern gleichermaßen in die Verzweiflung treibt, und doch genau um sie geht es: um die Verunsicherung, die Verletzlichkeit und um die Wirrnisse in Kopf und Gefühl auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

          Elena Geus

          Chefin vom Dienst.

          Es ist mehr als nur ein beiläufiger Hinweis auf den großen dänischen Dichter, dass in Susan Krellers zweitem Jugendroman die Rede davon ist, Stellas Großmutter, genannt Misses Elderly, eine um die Widrigkeiten des Lebens wissende ältere Dame - in ihrer Klarheit und Zugewandtheit eine der tragenden Figuren des Buchs -, habe ihrer Enkelin und Adrian, dem Nachbarsjungen, über Jahre hinweg „Die Schneekönigin“ vorgelesen. Die Autorin gibt preis, bei welchem literarischen Vorbild sie sich bedient hat.

          Blind und unempfänglich

          Kreller hat Andersens Märchen von Mystik entstaubt und thematisch wie dramaturgisch kunstvoll in die Jetztzeit übersetzt. Es ist ihr gelungen, einen bekannten Gedanken geschickt zu variieren, eine wirklichkeitsnahe, greifbare Geschichte zu erzählen, die ohne Pathos, ohne Jammerton und ohne Erste-Liebe-Kitsch auskommt, dabei ähnlich vielschichtig, poetisch und phantasievoll ist wie die Motivvorlage.

          Die Kinder sind inzwischen Teenager, vierzehn Jahre alt, in unabdingbarer Freundschaft verbunden: das nie um eine Idee verlegene Mädchen und der zu schnell zu hoch gewachsene Junge, für den Stella gern aus ihrem Fundus an Rekorden zitiert, damit sich ihr Freund mit seinen mehr als 1,90 Metern inmitten der größten und längsten Dinge aller Zeiten wie einer unter Gleichen fühlt und nicht wie ein Freak. Wenn da nicht Adrians stärker werdendes Gefühl wäre, Stella müsse - dringend, wie er findet - etwas anderes sein als eine Art Schwester.

          Was das ist, unausgesprochen längst war, wird ihm vollends bewusst, als das Teuflische in Gestalt von Dato naht, einem georgischen Jungen, gerade eingezogen im Haus gegenüber, der schönäugige Schnösel, wie Adrian ihn, den unverhofften Konkurrenten um Stellas Gunst, nennt.

          Irgendwann ist es raus: Stella hat sich in Dato verliebt und Dato in sie. Als habe er wie Andersens Kay Splitter in Auge und Herz, wird Adrian blind für alles Schöne und unempfänglich für alles Gute. Er führt sich auf, ist zornig, rüpelhaft, verletzend, selbstzerstörerisch. Alles erscheint ihm hässlich, niemanden mag er: sich nicht, seine Eltern nicht - die in ihrer ewigen Besorgnis peinliche Mutter, die ihrem Sohn beharrlich ein Großwüchsigkeitstrauma einreden will; und den Vater, dem man mit nichts kommen muss, weil er sich ohnehin aus allem heraushält -, nicht einmal Misses Elderly dringt noch zu ihm durch.

          Gerettet durch Geschichten

          Das Chaos im Innern, schwankend zwichen Verzweiflung und lächerlichen Allmachtsphantasien - die Qualen der Pubertät eben -, entwickelt sich in einer Sprache, die reich ist an feinsinnigen, nie schiefen Bildern und die eine Fülle an klugen Wortschöpfungen enthält. Auch wenn jede Stimmung treffend eingefangen ist, wünschte man sich einen etwas sparsameren Einsatz, etwas weniger an Wortgewalt. Die Geschichte ist zu schön und zu fein erzählt, um sich vom Lauern auf das nächste kreative Wortgebilde aus dem Fluss bringen zu lassen.

          Adrian wird nicht durch Tränen gerettet, sondern durch Geschichten, vor allem durch jene - ausgerechnet - von Datos Familie, die mit ihrer Flucht aus Swanetien und der Angst vor Abschiebung ihre eigene tragische hat. Schmerz hat viele Facetten, Glück auch. Sogar ein zweifelhafter Rekord tröstet, wenn er von einer Freundin kommt: „Größter Volltrottel der Welt“.

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