https://www.faz.net/-gr3-11px4

Jugendbuch : Die erste Ruhestätte

Bild: Arena

Nur ein anderthalbjähriges Kind entkommt in Neil Gaimans „Graveyard-Buch“ dem blutrünstigen Einbrecher, der die ganze Familie morden wollte. Es gelangt zum alten Friedhof der Stadt, und dort beginnt die erstaunlichste Adoptionsgeschichte seit dem „Dschungelbuch“.

          1 Min.

          Der erste Absatz ist so, dass man das Buch ganz sicher keinem Jugendlichen in die Hand drücken möchte: Klar und kalt wird dort geschildert, wie ein Einbrecher eine Familie beinahe vollständig absticht und sich nun aufmacht, den letzten Überlebenden, ein anderthalbjähriges Kind, in seinem Bettchen zu ermorden.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das aber - und hier gewinnt die Geschichte zum ersten Mal so etwas wie einen Reiz - entkommt mit leichten Füßchen und ohne andere Absichten als schierer Abenteuerlust, es macht sich auf zum alten Friedhof der Stadt, und weil die Toten dort nach einigem Palaver das Kind beherzt unter ihre Fittiche nehmen, beginnt nun die erstaunlichste Adoptionsgeschichte seit dem „Dschungelbuch“: Ein Lebender wächst jahrelang unter Gespenstern auf, nimmt wie selbstverständlich unter ihnen seinen Platz ein, lernt von ihnen, wie man durch Mauern geht oder im Dunkeln sieht, aber auch Lesen und ein bisschen Latein. Denn dass er ihnen eines Tages entwachsen wird und muss, das wissen die Toten genau. Schließlich haben sie ihn nicht gerettet, um ihn um sein Leben zu betrügen.

          Tröstliche Versöhnung zweier Welten

          Neil Gaimans aberwitziger Roman lebt also von dieser Umkehrung der Fürsorge, indem er sich jeden Ansatz von Totengedenken oder Hinterbliebenentrauer verkneift, dafür aber den Jungen, von den Toten „Nobody Owens“ getauft, mit Vorliebe in lebensgefährliche Situationen bugsiert und von seinen Beschützern erretten lässt.

          Unter ihnen nimmt der geheimnisvolle Außenseiter Silas den ersten Rang ein, denn der Grenzgänger zwischen Leben und Tod kann den Friedhof verlassen und so für die Nahrung des Jungen sorgen. Da ist ferner Liza, die junge Hexe, oder eine griesgrämige Werwölfin, die ihr Leben für Nobody opfert. Auf der anderen Seite steht die Verschwörergruppe, die ihm nach dem Leben trachtet und deren Mitglieder alle Jack heißen. Sie allein haben keinen Anteil an der großartigen, jährlich abgehaltenen danse macabre, die die Lebenden und Toten zusammenführt und deren staunender Gast Nobody ist. Was ihnen dabei entgeht, teilt sich unmittelbar mit - in dieser Versöhnung der beiden Welten liegt etwas Tröstliches, das man Jugendlichen nicht vorenthalten möchte.

          Weitere Themen

          Mit diabolischem Vergnügen

          Houellebecq-Hörspiel-Box : Mit diabolischem Vergnügen

          Hörspiele kompensieren die Schwächen von Romanen: Mit verzweifelter Gutmütigkeit und feiner Ennuie setzt eine „Hörspiel-Box“ den wichtigsten Romanen Michel Houellebecqs ein Denkmal.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.