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Jugendbuch: „Der kleine Mausche aus Dessau“ : Junger Grenzgänger in steter Gefahr

Bild: Hanser

Katja Behrens begleitet den späteren Gelehrten Moses Mendelssohn als Vierzehnjährigen zu Fuß nach Berlin. Eindrucksvoll beschreibt sie die prekären jüdischen Lebensbedingungen um 1743. Und das ist nicht einmal die größte Stärke ihres Buches.

          2 Min.

          „Ha koton Mausche mi Dessau“ – der kleine Mausche aus Dessau: So unterschrieb Moses Mendelssohn noch manchen Brief, als er schon über dreißig Jahre alt war. Seine wegweisenden gelehrten Schriften, sein Ruhm in ganz Europa, das literarische Denkmal, das Lessing ihm mit „Nathan der Weise“ setzte, der große Mendelssohn also kam später. Aber klein?

          Klein war dieser Mausche, gerade einmal vierzehn Jahre alt, als er im Herbst 1743 seinem Lehrer David Fränkel hinterherzog, der Oberrabbiner in Berlin geworden war.

          Weggefährten, Zeitzeugen, Biographen haben über diese erste Reise des wissensdurstigen Jungen berichtet, sie haben sie nachgedichtet und ausgeschmückt. Gesichert ist, abgesehen von Anlass und ungefährem Datum, wenig: Musste Mausche zu Fuß gehen? Wie lange war er unterwegs? Wer gab ihm Geld, um wenigstens an den Ländergrenzen den Leibzoll entrichten zu können?

          Mausches einzige Möglichkeit

          Bei Katja Behrens, die Mausches Reise zum Thema eines Jugendbuchs gemacht hat, geht der klein gewachsene, bucklige Junge, der nur Jiddisch spricht und auch noch stottert, die je nach Route 150 bis 200 Kilometer zu Fuß. In den Wochen seiner Reise – in anderen Erzählungen kommt Mendelssohn bereits nach fünf Tagen an – ist er nicht nur den üblichen Gefahren der Straße ausgesetzt, sondern muss als Jude jederzeit mit Demütigung und Misshandlung rechnen. Doch sein verehrter Lehrer hatte ihm eine Tür in die Welt des Wissens geöffnet, und die gefährliche Reise ist Mausches einzige Möglichkeit, sich aus familiärer Enge und Kälte in diese Welt zu retten.

          Unterwegs wird er von Dorfkindern gepeinigt, von Wandergesellen angefeindet und von Grenzsoldaten gedemütigt. Er wird von wohlhabenden Juden verachtet, die ihn am Schabbat pflichtgemäß beherbergen, und er wird fußlahm von Zigeunern im Pferdewagen mitgenommen. Er begegnet einem hessischen Hufschmied, der dem Juden beisteht, wenn es brenzlig wird, und dem auch Mausche beistehen kann, als die beiden in die Hand einer Chawrusse, einer jüdischen Räuberbande fallen.

          Die Gräben überwinden

          So ist „Der kleine Mausche aus Dessau“ weit mehr als der attraktive Ausschnitt einer Gelehrtenbiographie: Katja Behrens entwirft zugleich ein komplexes Bild der prekären jüdischen Lebensbedingungen im achtzehnten Jahrhundert. Doch auch das ist noch nicht die größte Stärke dieses Buches. Die liegt in seinem im Grunde hoch aktuellen Panoptikum wechselseitiger Vorurteile und Fremdheit: Wie unreinlich und ungebildet die einfachen Christen in dieser Zeit gewesen sein müssen. Wie kompliziert die Verständigung war, von der Autorin ohne falsche Rücksicht auf den Lesefluss als Aufeinandertreffen von Jiddisch, ländlichen Dialekten, gebildeter oder dünkelhafter Hochsprache wiedergegeben. Wie befremdlich die religiösen Praktiken wirkten und wie groß die Bereitschaft war, gleich mit Gewalt auf dieses Befremden zu reagieren.

          Dass sich diese Gräben gewiss nur mit Menschlichkeit, mit Offenheit, mit Großzügigkeit und Geduld überwinden lassen, spricht Katja Behrens zum Glück an keiner Stelle aus. Sie zeigt es, eindrucksvoll und klar.

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