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Judith Kerrs „Ein Tiger kommt zum Tee“ : Solange noch ein Krümel da ist, wird der Gast genährt

Bild: Knesebeck

Ein Klassiker in England, bei uns kaum bekannt: Jetzt gibt es Judith Kerrs „Ein Tiger kommt zum Tee“ in einer Prachtausgabe.

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          So richtig angekommen ist das Buch in Deutschland noch nicht, obwohl es seit seinem Erscheinen im Jahr 1968 mehrfach hierzulande verlegt wurde. Nun aber könnte, nein: muss es klappen, und es wäre auch ein guter Zeitpunkt: Was für ein schöneres Geschenk zum neunzigsten Geburtstag im kommenden Jahr könnten die Deutschen einer Künstlerin machen, die im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten fliehen musste - ihr Vater war der legendäre Theaterkritiker Alfred Kerr -, als deren schönstes Geschenk an die ganze Welt den eigenen Kindern zugänglich zu machen?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Voraussetzungen sind in der Tat bestens. Tiger erfreuen sich in Literatur und Bilderbuch derzeit größter Sympathie, und Judith Kerrs Bilderbuch heißt „Ein Tiger kommt zum Tee“. Wer fürchtet, das Thema könne etwas zu englisch für deutsche Kinder ausfallen, kann beruhigt werden: Zwar kommt der Tiger zur nachmittäglichen tea time, aber sonst benimmt er sich ganz unbritisch. Nämlich unmöglich.

          Als hätte der Tiger die Bilder blankgeleckt

          Nicht, dass er als mörderische Bestie geschildert würde - ganz im Gegenteil. Der überraschende Gast bittet bei der kleinen Sophie und deren Mutter um Nachsicht für seinen überraschenden Besuch, setzt sich kultiviert zu Tisch und lässt sich als attraktives Pelztier durchaus auch mal von dem Mädchen durchknudddeln, doch sein Appetit ist zügellos, und alsbald sind Tisch, Herd, Vorrats- und Kühlschrank leergeräumt, ja selbst die Wasserleitung ist leergetrunken. Tiger haben offensichtlich einen gesegneten Appetit. Als er endlich satt ist, verlässt er freundlich winkend das Haus. Saubermachen, Abendessen oder ein Nachtbad sind unmöglich, denn es gibt ja nach diesem Besuch weder Wasser noch Lebensmittel.

          Dass man dem höflichen, aber hungrigen Gast gern zusieht, wie er systematisch alles verputzt, versteht sich bei Judith Kerrs Zeichentalent von selbst. Dass ihre Farben auf dem glatten Papier der neuen deutschen Ausgabe, die der im Bereich des Kinderbuchs immer rührigere Knesebeck Verlag nun veröffentlicht, strahlen, als hätte sie der Tiger auch noch blankgeleckt, ist ein zusätzlicher Genuss. Das Buch war schon immer zeitlos schön, aber nun ist es auch zeitgemäß (und kindgerecht) opulent.

          Stilprägend für zahllose Bilderbücher

          Kindgerecht auch darin, welche Bedeutung hier dem Essen beigemessen wird. Und dem Wegessen. Die Mahlzeiten sind einer der Fixpunkte kindlichen Lebens, und nirgendwo ist die Frage nach Gerechtigkeit so virulent wie bei diesen Gelegenheiten. Kleine Leser werden sich nicht vor dem Raubtier fürchten - dazu ist es trotz seiner enormen Größe zu possierlich -, aber vielleicht vor der Hilflosigkeit angesichts seines selbstverständlichen Auffutterns. Am Schluss kaufen die erstaunten Menschen eine große Packung Tigerfutter („eine wirklich große“), um bei einem neuerlichen Besuch gewappnet zu sein, doch der hungrige Gast erscheint nie wieder.

          Wie Judith Kerr den Tiger zeichnet, brav am Tisch sitzend, das weiße Brustfell wie eine Serviette inszeniert; wie sie ihn schon in Richtung Kühlschrank linsen lässt, als Sophie ihn noch zärtlich umarmt; wie er die Maske des Gesitteten erstmals kurz fallen lässt, als er die Teekanne in einem Zug austrinkt; wie er am Schluss, obwohl er nie wiedergekommen ist, doch noch einen Auftritt hat - das ist nicht nur einfach witzig, das ist stilprägend für zahllose Bilderbücher gewesen, bis hin zur Stimmung der Gemeinschaftsprodukte von Axel Scheffler und Julia Donaldson. Denn hier wird nicht mit bemühter Dynamik, sondern mit bewusster Statik gezeichnet: am Wunderwerk einer Erzählung, die in ihrer Einfachheit wie ein Naturereignis wirkt, unvermeidlich, unhinterfragbar und ja: auch unmenschlich. Aber wie viel Menschlichkeit steckt im Vertrauen auf die Kraft des Einfachen.

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