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Judith Kerr: Creatures : Weitsicht und Glück

Faun aus der Feder Judith Kerrs Bild: Harper Collins Childrens Books

Tee für den Tiger: Ein Bildband zu Judith Kerrs 90. Geburtstag zeigt endlich das künstlerische Werk der Autorin, die mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ weltberühmt wurde.

          Judith Kerr ist bei uns noch immer vorwiegend als Schriftstellerin bekannt, die für das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ über die Flucht ihrer Familie vor den Nationalsozialisten den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat. In ihrer englischen Heimat kennt man sie dagegen vorwiegend als Illustratorin: Ihr Bilderbuch „The Tiger who came to tea“, entstanden 1968, gehört noch nach 45 Jahren zu den beliebtesten Werken, die sich an junge Leser richten. Und schließlich wird auch Judith Kerr, die heute ihren neunzigsten Geburtstag feiert, nicht müde, das Zentrum ihres Schaffens in der bildenden Kunst zu verorten: Sie sei zwar die Tochter eines Autors, des Theaterkritikers Alfred Kerr, und auch ihr Mann und ihr Sohn seien Schriftsteller, ihre eigene Begabung liege aber nun einmal auf einem anderen Feld.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie um dies zu untermauern, ist nun ein prächtiger Band in englischer Sprache erschienen, der eine Art Werkbiographie Judith Kerrs enthält und sich dabei an erwachsene Leser richtet. Ähnlich wie kürzlich eine feine Ausstellung, die im Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf zu sehen war, verbindet dieses Buch den Bericht über ein abenteuerliches Leben mit einer kleinen Auswahl des künstlerischen OEuvres und zusätzlichen Dokumenten, die vom saturierten Dasein in Berlin, von der mühevollen Flucht durch Westeuropa bis zum Exil in England und den Jahrzehnten an der Seite des Drehbuchautors Nigel Kneale zeugen.

          Umschlagentwurf des unveröffentlichten Buchs „The Crocodile Under the Bed“

          Manches davon ist in veränderter Form in Kerrs autobiographisch grundierte Kinderbuch-Trilogie eingegangen, und zu den schönsten Abbildungen dieses Buchs gehören die Vignetten, die Kerr für die amerikanische Ausgabe schuf und die, sieht man daneben die Fotos, auch die reale vierköpfige Familie ihrer Kindheit gut erkennen lassen. Ein Bild zeigt sie im Aufbruch, mit Koffern und Taschen in den Händen, und allein die Gesichter der vier zeigen, wie Judith Kerr aus dem Abstand von drei bis vier Jahrzehnten die familiäre Konstellation empfunden hat.

          Cover der amerikanischen Ausgabe von Judith Kerrs berühmtem Jugendbuch, auf dem das in Deutschland gebliebene rosa Kaninchen die Hakenkreuzfahne tragen muss

          Da sind der Bruder Michael (der im Roman Max heißt) und die Mutter, mit ähnlicher Miene, Haltung und ähnlichem Gesicht, die sich immer sehr nahestanden, wie Judith Kerr noch heute betont. Da ist der Vater mit der hohen Stirn und dem verträumten Blick - später warf sich seine Tochter vor, den 1948 Gestorbenen im Roman allzu lebensuntüchtig geschildert zu haben. Und da ist die Autorin selbst, die als Einzige offen nach vorn blickt, auf das, was kommen mag. Dass sie, anders als ihre Eltern, unter den Bedingungen der Flucht nicht allzu sehr gelitten hat, betont sie heute gern.

          Eine glücklich irritierende Verbindung

          Eigentlich, schreibt sie jetzt in „Judith Kerr’s Creatures“, habe sie nach dem ersten Kinderroman das autobiographische Schreiben sein lassen wollen - die Flucht war geglückt, in London winkte eine neue Existenz, und die Sorgen, die damit einhergingen, allen voran das Unglück ihres knapp siebzigjährigen Vaters, der sich an England nicht gewöhnen konnte, waren noch weit.

          Gespenster, gezeichnet von Judith Kerr

          Dass sie dennoch zwei weitere Bände über das Schicksal ihrer Heldin Anna verfasst hat, ist unser Glück. Sie handeln nicht zuletzt vom Reifen ihrer zeichnerischen Begabung. Tatsächlich gehören die Bilder, die Judith Kerr während der Kriegs- und Nachkriegszeit malte, zu den eindrucksvollsten, die dieser Band bereithält. Neben Skizzen aus dem Zeichenunterricht, den Judith Kerr damals besuchte, steht etwa die düstere Studie einer verängstigten Menschengruppe im Bombenkrieg.

          Ein hinreißendes Ölgemälde von 1948 zeigt auf Stieren reitende Hexen, und an die Seite eines flötenden Fauns treten Gespenster, die ihre Totenköpfe überall mit sich herumtragen, nur nicht auf dem Hals. Und auch die späteren Kinderbücher - neben dem „Tiger“ sind das vor allem die vielen Geschichten um den Kater Mog - lassen mitunter surreale Momente aufblitzen, die mit der Folie des englischen Alltags, gesehen aus der Perspektive einer Hauskatze, eine glücklich irritierende Verbindung eingehen. Wahrscheinlich ist das ein wesentlicher Grund für ihre besondere Stellung unter den zeitgenössischen Bilderbüchern.

          Die Bilder, die sie hätten malen können

          Eines der frühesten Fotos aus „Judith Kerr’s Creatures“ zeigt das Ehepaar Kerr mit den beiden Kindern im Jahr 1928. Im Gesicht der vier oder fünf Jahre alten Judith erkennt man mühelos das der heute Neunzigjährigen. Sie arbeitet nach wie vor am Schreibtisch, den ihr vor etwa siebzig Jahren ihr Bruder Michael geschenkt hat. Ihr bislang letztes Bilderbuch handelt von einer Gruppe höchst aktiver Seniorinnen.

          Im Atelier

          Der Bildband endet mit der dankbaren Erinnerung an die Voraussicht von Judith Kerrs Eltern, rechtzeitig ins Exil zu gehen. Gewidmet ist er den „eineinhalb Millionen jüdischer Kinder, die nicht das Glück hatten, das ich hatte. Und all den Bildern, die sie hätten malen können.“

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