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Judith Burger: „Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“. Roman. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 192 S., geb., 14,– €. Ab 11 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Kinderroman von Judith Burger : Ahnungslos in der Sprungschicht

Eine Theaterproduktion für die Freilichtbühne, wie jedes Jahr, und doch ist alles anders: In ihrem Kinderroman „Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“ taucht Judith Burger in die frühe Pubertät.

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          Die ungleichen Freunde in Oscar Wildes Märchen „Der glückliche Prinz“ müssen miteinander untergehen. Die Schwalbe, die auf Geheiß des Prinzen sein Gold und seine Edelsteine unter den armen Menschen verteilt, muss im Winter erfrieren. Der Prinz, einst eine prächtige Statue, wird von den Menschen ohne sein Geschmeide nicht mehr geschätzt und zerstört. Nur sein gutes Herz und die Seele des Vogels überleben, zu Gottes Ehren.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Merkwürdig, dass der Verein der Freilichtbühne in Geschrey an der Wipper sich ausgerechnet dieses Kunstmärchen als Vorlage für sein alljährliches Sommertheater ausgesucht hat. Der Witz und die traurige Ironie von Wildes Kunstmärchen liegen schließlich weniger im Erzählten selbst als in der Erzählweise.

          So ist es auch mit Judith Burgers Roman „Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“. Nach ihrem vielgelobten Debüt „Gertrude Grenzenlos“ (2018) und „Roberta verliebt“ (2019) hat die 1972 in Halberstadt geborene Autorin, die auch als Werbetexterin und Rundfunkautorin gearbeitet hat, innerhalb kürzester Zeit das dritte Buch vorgelegt. Mag sein, dass das die Unentschlossenheit erklärt, die bisweilen ihre Sprache färbt: mal betont salopp umgangssprachlich, dann wieder ausgesprochen eloquent.

          Zum ersten Mal Probleme

          Ringo und Asta sind ungleiche beste Freunde. Immer gewesen, seit vielen Jahren. Asta ist gewissermaßen die Schwalbe, die Ringos Sommer macht. Jedes Jahr zieht sie mit ihrer Mutter, der Regisseurin, ihrem Vater, dem Bühnenmusiker, mit einer vertrauten Riege Schauspieler und Techniker in das kleine Städtchen Geschrey, wo die Eltern das Sommertheater auf der Waldbühne inszenieren. Und wo Asta mit Ringo am Waldsee sitzt, Eis isst und geradezu philosophische Fragen erörtert.

          Aus diesem gewohnten Szenario, das die Ich-Erzählerin Asta auch für diesen Sommer wieder erwartet, erzählt Burger, im Grunde schlicht, das Besondere. Denn in diesem Jahr ist fast alles anders, im Innen wie im Außen. Sogar die alte Eisdiele serviert jetzt Lavendel und Quinoa statt Schlumpfblau. Asta und Ringo sind beide größer geworden, schlaksiger, es gibt immer wieder Löcher in ihren Gesprächen. Sie schauen einander anders an. Zum ersten Mal haben sie Probleme. Ringo mit seinen Eltern, die andauernd streiten und ihn schrecklich überfordern. Asta damit, dass sie ihr Debüt als Darstellerin geben will – aber vor lauter Lampenfieber nicht einmal bei den Proben einen geraden Satz sagen kann. Die detailreichen Schilderungen des Theaterbetriebs verdanken sich vermutlich der Tatsache, dass Burger Theaterwissenschaften studiert hat.

          Wenn das Wasser klarer wird

          Astas Stolz leidet, als sich herausstellt, dass Ringo ein wahres Naturtalent auf der Bühne ist und Astas Rolle erbt. Die Konflikte, die Judith Burger für ihre Sommergeschichte konstruiert, haben Hand und Fuß, auch wenn sie bisweilen überdeutlich werden: hier die coolen Künstlereltern, dort Ringos Vater, der konservative Klempner, und seine Mutter, plötzlich Öko-Aktivistin.

          Für die inneren Kämpfe Astas und die Fragen der beiden zwölf und dreizehn Jahre alten Hauptfiguren aber funktioniert der Wechsel aus minutiös geschilderten kurzen Momenten, Empfindungen der Zeit, die sich dehnt, den Szenen aus der Kleinstadt, deren Bewohner mit wenigen Skizzen zu echten Typen werden, sogar Ringos Kleinkind-Schwester Lucy. Das Erzählen an der Schwelle der Pubertät, da, wo plötzlich Scham einzieht und ein neuer Blick auf ein vertrautes Gegenüber fällt, findet seine Sprache in der Welt, die Asta für sich entdeckt: dem Wasser.

          Wo ganz am Anfang eine „Mosaikjungfer“ die Leser zart darauf hinweist, dass Asta eine Neigung zu den Lebewesen am See hat, entdeckt sie mitten im Konflikt um Ringos plötzliche Emanzipation auf der Bühne etwas, was sie mehr fasziniert als das Theater. Sie will tauchen lernen, die Meere erforschen. Sie lernt, was die „Sprungschicht“ kalter und warmer Wasserschichten und was „Daphnien-Klarheit“ ist: der Moment, in dem die Wasserflöhe viele Algen wegfressen und das Wasser klarer wird. Dem Leser dämmert, dass diese poetischen Begriffe der Limnologie ganz gut den Zustand beschreiben, in dem sich Ringo und Asta befinden. Nicht mehr Kind, noch nicht ganz Jugendlicher. Aufgewühlt und doch klar wie der See.

          Judith Burger: „Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer“. Roman. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021. 192 S., geb., 14,– €. Ab 11 J.

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