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Jonathan Stroud: „Scarlett & Browne – Die Outlaws“. Roman. Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung. Cbj, München 2021. 448 S., geb., 22,– €. Ab 14 J. Bild: Cbj

Neue Reihe von Jonathan Stroud : In der Lagune, die einmal London war

Zwei Jugendbuchreihen haben Jonathan Stroud bekanntgemacht. In seiner dritten treiben zwei jugendliche Außenseiter auf einem Floß den großen Strom hinunter, in dem auch London versunken ist.

          2 Min.

          Die Welt, in der Albert Browne leben muss, ist nicht besonders angenehm. So kann er von Glück sagen, dass er in dem streng bewachten Kinderheim untergekommen ist, in dem sich Dr. Calloway seiner annimmt. „Das Land ist nicht geheuer“, sagt die Ärztin, „vor langer Zeit ist etwas sehr Schlimmes geschehen, Albert, dessen Folgen immer noch nachwirken. Die Welt verändert sich. Sie verändert sich schneller, als sie sollte.“ Wie genau diese Veränderungen vor sich gehen, sagt die Ärztin nicht, aber das Bild, das sie von der Welt jenseits der Anstalt malt, soll jeden Fluchtimpuls Alberts unterdrücken: „In den Wäldern gibt es riesige Wölfe und Bären und andere fleischfressende Wesen, von den Gezeichneten ganz zu schweigen, die nur darauf warten, nichtsahnende Reisende aufzufressen. Die wahre Menschheit schwindet dahin, du würdest außerhalb unserer Mauern keine fünf Minuten überleben.“

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht nur in diesem Punkt erweist sich Dr. Calloways Aussage als falsch. Albert, der in den medizinisch-psychologischen Untersuchungen durch die Ärztin entsetzliche Qualen erleidet, flieht schon bald, nachdem er durch einen Mitbewohner des Heims von einem Ort erfahren hat, an dem solche wie er – die Dr. Calloway nicht zur „wahren Menschheit“ zählt – eine Zuflucht fänden. Unterwegs begegnet er einer anderen verfolgten Außenseiterin, der etwa siebzehnjährigen Scarlett McCain, die buchstäblich über Leichen geht und sich widerwillig mit dem Jungen zusammentut. Gemeinsam treiben sie auf einem Floß den großen Strom hinunter, der auf der Höhe des versunkenen Londons ein Delta bildet, aus dem Hochhausspitzen ragen. Bedroht werden sie unterwegs von allerlei gruseligen Wesen, darunter den zombiehaften „Gezeichneten“, am gefährlichsten aber erweisen sich die Ärztin und ihre Verbündeten, die sich nicht abschütteln lassen und Albert wieder in ihre Gewalt bekommen wollen, tot oder lebendig.

          Der Autor Jonathan Stroud wurde mit zwei Jugendbuchreihen – den Geschichten um den Dämon Bartimäus und den Abenteuern des im Übersinnlichen aktiven Detektivbüros Lockwood & Co. – bekannt. Beide spielen in der leicht verschobenen Realität eines heutigen Europas, in dem die Nachwirkungen einer unheilvollen Entwicklung von den allermeisten selbstverständlich hingenommen werden, während sich Jugendliche nicht damit abfinden mögen. Was, wenn eine Gruppe von Zauberern schon seit Generationen die Macht übernommen hätten, fragen die Romane, oder wenn sich aggressive Gespenster überall zur Landplage entwickelt hätten, so dass ein eigener Dienstleistungssektor entsteht, um sie in Schach zu halten?

          Um Machtfragen und Übersinnliches geht es auch in Strouds neuer Reihe „Scarlett & Browne“, deren erster Band soeben erschienen ist. Wie die Vorgänger ist auch diese Geschichte routiniert, mitunter elegant erzählt, ohne dass der Wille zu einem ausgefeilten Literaturstil spürbar würde. Mehr noch als in den Dämonen- und Geisterbüchern befördert hier die Ortsveränderung die Handlung, zugleich ist die Ankunft am ersehnten Ziel nur als Zwischenstation gezeichnet. Auch was die frühere Katastrophe, die jetzige Gesellschaftsordnung und die sorgsam gehüteten Geheimnisse der Protagonisten angeht, hält Stroud genug zurück, damit die Spannung noch für weitere Bände reicht.

          Und doch gibt bereits der erste Band unübersehbar die Richtung vor, in die sich alles entwickeln soll. Denn die Gabe Alberts, der anfangs so hilflos und verträumt wirkt und doch der kampfmaschinengleichen Scarlett mehrfach aus kritischen Situationen heraushilft, ist eine mentale Disposition, die sich im Alltag in Gedankenlesen und unter hohem Stress in Zerstörungsgewalt manifestiert – wo Albert zürnt, wächst eine ganze Weile lang nichts mehr.

          Beigebracht wurde ihm im Heim, sich dafür zu schämen. Bis Scarlett es nicht mehr hören kann. „Es reicht! Lass einfach mal gut sein. Es sind deine Kräfte. Sie gehören zu dir, ob zum Guten oder zum Schlechten. Akzeptier es einfach.“ Auf dieser Grundlage, so stellt man sich vor, werden die beiden durch eine postapokalyptische Welt ziehen, die Scarletts Maxime entgegensteht. Man wird kaum daran zweifeln, wer sich am Ende durchsetzt.

          Jonathan Stroud: „Scarlett & Browne – Die Outlaws“. Roman. Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung. Cbj, München 2021. 448 S., geb., 22,– €. Ab 14 J.

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