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Lauströer illustriert Kipling : Dem hat man die Nase langgezogen

Rudyard Kipling: „Das Elefantenkind“. Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam ... Illustriert von Jonas Lauströer. Minedition, Bargteheide 2018. 60 S., geb., 18,– Euro. Ab 6 J. Bild: Minedition

Eine alles andere als zahnlose Geschichte: Rudyard Kipling erzählt, wo der Elefant seinen Rüssel herhat, und Jonas Lauströer zeigt uns dazu Bilder, die noch einiges darüber hinaus zu bieten haben.

          Rudyard Kipling hat heute nicht mehr den besten Ruf; sein Gedicht „The White Man’s Burden“ gilt geradezu als Emblem des Kolonialismus. Liegt es daran, dass selbst in britischen Buchhandlungen nur noch selten mehr vom ersten englischsprachigen Literaturnobelpreisträger überhaupt zu finden ist als sein berühmtes „Dschungelbuch“ aus dem Jahr 1895 vielleicht auch noch der grandiose indische Abenteuerroman „Kim“ von 1901? Und in den Kinderbuchabteilungen seine nur ein Jahr danach publizierten „Just So“-Geschichten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das war eine Sammlung, für die Kipling auf jene Gutenachtgeschichten zurückgriff, die er seiner 1892 geborenen Tochter Josephine zuvor erzählt hatte. Deshalb der Titel „Just So“ – aus der Erfahrung heraus, dass Kinder solchen Ritualen auch durch wortgenaue Wiederholung des Erzählten ewige Dauer verliehen sehen wollen. Ihr exaktes Gedächtnis wird wohl schon manchen erwachsenen Erzähler an den Rand der Verzweiflung getrieben haben, aber der Zwang zur wiederkehrenden Genauigkeit verankerte das Geschehen fest in Kiplings Kopf, so dass er die flotte Niederschrift nach dem voluminösen „Kim“ wie eine Erholung empfand. Ein Dutzend Geschichten umfasste das fertige Buch; in späteren Ausgabe kam noch eine dreizehnte dazu.

          Fast alle widmen sich der fiktiven Erklärung von Seltsamkeiten des Lebens, wie ein neugieriges Kind sie wahrnimmt – des menschlichen Lebens (etwa wie das Alphabet erfunden wurde) oder des tierischen (wie die Flecken des Leoparden entstanden oder der Höcker des Kamels). Und eine widmet sich der Frage, wie der Elefant zu seinem Rüssel kam. Um es vorwegzunehmen: Die Ausbildung dieses hilfreichen Körperteils verdankt sich laut Kiplings Erzählung einem Krokodil, das einmal nach der damals noch recht kurzen Nase eines jungen Elefanten schnappte, der sich dann nur mit Mühe wieder befreien konnte, wobei die Nase länger und länger gezogen wurde, sich danach als zusätzliche Gliedmaße aber als so praktisch erwies, dass auch alle anderen Elefanten zum Krokodil eilten, um an einen Rüssel zu kommen. Der muntere Aberwitz dieser Geschichte ist auch mehr als hundert Jahre später noch erfrischend.

          Hilflos in der brutalen Welt der Erwachsenen

          Zumal wenn ein Illustrator wie der 1979 geborene Jonas Lauströer die knappe Handlung mit seinen ebenso detail- wie drastikfreudigen Bildern bereichert. Sein Zeichenstil erinnert an die zehn Jahre ältere, überaus produktive Schweizer Kollegin Kathrin Schärer, aber das ist, wenn es um Bilderbuchillustrationen von Tieren geht, eines der größten Komplimente, die man machen kann. Zumal Lauströer manches in seine Adaption der Kipling-Geschichte einbringt, das man ihr ablesen kann, aber nicht in ihr explizit gemacht worden ist. Etwa die große Gemeinschaft der wilden Tiere Afrikas, die darin zum Ausdruck kommt, dass Strauß, Giraffe, Pavian und Flusspferd jeweils als Onkel oder Tanten jenes kleinen Elefanten bezeichnet werden. Da liegt es nahe, dass diese verwandtschaftliche Vertrautheit auf die gesamte Fauna auszudehnen ist, und so zeichnet Lauströer auch noch Zebras, Löwen, Marabus oder Gnus, von denen bei Kipling gar keine Rede ist.

          Andererseits setzt er mit seinen Zeichenstiften auch Szenen ins Bild, die beim Vorlesen heutigen Eltern Kopfschmerzen bereiten werden. Die ganze bunte Verwandtschaft nämlich hat bei Kipling nur Prügel für das Elefantenkind übrig, das sie in seinem unerschöpflichem Wissensdrang behelligt: „Es stellte Fragen nach allem, was es sah oder hörte oder spürte oder roch oder berührte und alle seine Onkel und Tanten verhauten es.“ Lauströer aber macht aus dem Verhauen skurrile Actionszenen, die mehr das Gefühl von Akrobatik vermitteln als das von Schmerz. Trotzdem lassen seine Illustrationen auch die Hilflosigkeit des kleinen Elefanten gegenüber der brutalen Welt der Erwachsenen deutlich werden, denn ohne sie käme die eigentliche Handlung des Rüsselerwerbs gar nicht in Gang.

          Unverändert herrlich kindgerecht

          Kipling erzählt alle seine „Just So“-Geschichten im selben Tonfall einem als „mein allerliebster Liebling“ angesprochenen Zuhörer. Das verschaffte ihnen ihren ersten deutschen Titel: „Geschichten für den allerliebsten Liebling“, erst 1990 wurden dann daraus in der Neuübersetzung von Gisbert Haefs „Genau-so-Geschichten“. Für das Bilderbuch hat Lauströer aber eine Übersetzung verwendet, deren Urheber im Buch nicht ausgewiesen wird – eine seltsame Praxis, die der Verlag auch 1994 pflegte, als er „Das Elefantenkind“, wie „How the Elephant Got His Trunk“ damals schon hieß, erstmals als Bilderbuch publizierte, seinerzeit noch illustriert von John A. Rowe, aber mit derselben Übersetzung wie nun wieder. Mutmaßlich wird man sich bei der ersten deutschen Ausgabe bedient haben, die ebenfalls ohne Angabe erschienen ist.

          Das führt aber auch dazu, dass kein geglätteter, von Drastik gereinigter Kipling-Test geboten wird, wie es manche wohlmeinenden Pädagogen wohl bevorzugen würden, sondern der unverändert herrlich kindgerechte, weil ganz auf Mündlichkeit getrimmte Text dieses höchst witzigen Erzählers. Zeitlos gut und nicht zahnlos.

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