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John Newmans Kinderbuch „Anni“ : Auch das Tagezählen hat seine Zeit

Bild: Fischer Schatzinsel

Seit ihre Mutter auf dem Fahrrad vom 82er-Bus überfahren wurde, sind alle so nett zu ihr: In seinem Kinderbuch „Anni“ gelingt es dem irischen Autor John Newman auf subtile und zugleich fast sachliche Weise, das Leben mit dem Verlust zu fassen.

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          Auch das normalste Kind der Welt will nicht jeden Tag Pizza essen. Anni, Sally und Conor aber halten lange durch. Obwohl ihr Vater ihnen allabendlich verkohlte Tiefkühlpizza vorsetzt. Als Anni zu erzählen beginnt von einem Vater, der stundenlang reglos durch das Wohnzimmerfenster auf den Garten starrt, von ihrer Schwester, die sich in ihre Grufti-Welt verkriecht, während ihr großer Bruder bis tief in die Nacht auf sein Schlagzeug eindrischt, sind es 149 Tage. So lang ist es her, dass die Mutter gestorben ist.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn John Newmans Ich-Erzählerin Anni eines nicht tut, dann weinerlich zu werden. Auch wenn sie sich jeden Abend in den Schlaf weinen muss. Anni erzählt davon, wie nett alle zu ihr sind, seit die Mutter auf dem Fahrrad vom 82er-Bus überfahren wurde. Wie liebevoll die Großeltern, die Tanten und ihre beste Freundin Orla sich um sie kümmern. Dass es ihrer Lehrerin völlig egal ist, ob sie, die es doch so schwer hat, Hausaufgaben macht oder zu spät kommt. Es ist ausgesprochen komisch zuweilen, was Anni so erlebt.

          Doch nach und nach beschleicht nicht nur Anni, sondern auch den Leser der Verdacht, eine tägliche Dosis Süßwaren und unbeschränktes Chaos im Haus könnten dann doch nicht die richtige Methode sein, um über den Verlust einer Mutter, einer Ehefrau hinwegzukommen.

          Dem irischen Autor John Newman gelingt es auf subtile und zugleich fast sachliche Weise, das Leben mit dem Verlust zu fassen. Seine Anni beschreibt nicht nur ihre eigenen Gefühle. Sie macht sich Gedanken um den Vater, der immer faltiger und schließlich immer aggressiver wird. Sie stellt fest, dass nicht nur der Vater seine Frau und die Geschwister die Mutter, sondern auch Oma und Opa ihre Tochter, die Tanten ihre geliebte Schwester verloren haben.

          Es dauert lange, bis eine Art Heilung beginnt. Als Anni sich um die verschwundene Schwester sorgt und zum ersten Mal alle in der Familie wieder miteinander sprechen, sind es „etwas über 150 Tage, seit Mami tot ist“. Anni hat vergessen weiterzuzählen.

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