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John Boynes Jugendroman „Der Schiffsjunge“ : Wie behauptet man sich in der Männerwelt?

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Bild: FJB

Ungelogen: „Der Schiffsjunge“, John Boynes Version der „Meuterei auf der Bounty“, ist so spannend wie vielschichtig und dabei einer der abgründigsten Romane für junge Leser seit langem.

          Wir alle lügen. Täglich. Notorisch. Aber manchmal bemerken wir, dass unser Lügen Wahrheit ist. Das erlebt John Jacob Turnstile, ein vierzehnjähriger Taschendieb, als er auf dem Markt von Brighton einem Gentleman, den er bestehlen will, belügt. Er, der bis dahin gerade einmal zwei zerfledderte Kladden über China gelesen hat, erklärt großspurig, es sei sein Traum, Schriftsteller zu werden. Das tut er, um sein Gegenüber, dessen Büchergier er kennt, in Sicherheit zu wiegen. Doch mitten im ausgefuchsten Täuschungsmanöver wird John klar, dass er tatsächlich für sein Leben gern schreiben und lesen würde. Ein glücklichere Zukunft rast in Sekundenbruchteilen an seinem inneren Auge vorüber: Er als gefeierter und gut verdienender Autor!

          Doch die Wirklichkeit holt den kleinen Gauner mit den großen Sehnsüchten ein - er greift nach der Taschenuhr des Gentleman, wird ertappt, verurteilt und dazu begnadigt, sich als Schiffsjunge auf der Bounty zu bewähren, die gerade Segel für eine Südsee-Expedition setzt.

          Spätestens jetzt weiß man, dass es um eine neue Variante der weltberühmten „Meuterei auf der Bounty“ geht, erzählt aus der Perspektive des Schiffsjungen. Doch der verführerische Beginn, der mit seinem subtilen Fragen nach Wahrheit und Lüge, Schein und Sein mehr als eine Abenteuergeschichte verspricht, lässt einen nicht mehr los. Und er wird, darauf ist Verlass, auch die jugendlichen Leser nicht mehr loslassen. Denn John Boyne, bekannt geworden mit dem Welterfolg „Der Junge im gestreiften Pyjama“, erzählt so farbig, einfallsreich und präzis, stellt Dutzende vielschichtiger Charaktere und überraschender Geschehnisse vor, vermeidet so konsequent und mühelos mahnende Zeigefinger, dass man erst spät (vielleicht, was ebenfalls kein Schaden wäre, gar nicht) bemerkt, es mit einem federleicht geschriebenen Bildungsroman, durchsetzt mit Elementen des Schelmenromans, zu tun zu haben.

          Er wusste nicht, was ihn erwartet

          Bei aller Leichtigkeit erspart Boyne seinen Lesern keineswegs belastende Erkenntnisse: Von Beginn an beunruhigen Randbemerkungen des Ich-Erzählers Turnstile, die ahnen lassen, dass hinter dem, was er über seine harte Kindheit mitteilt - elternlos, aufgewachsen bei einem schmierigen Gauner, der Jungen wie ihn aufsammelt, zu Dieben abrichtet und ausbeutet - noch Grausigeres lauert. Bei der Schilderung der brutalen Äquator-Taufe, die ihn fast das Leben kostet und das letzte Zutrauen an Restbestände des Guten in der Mannschaft raubt, bricht es aus ihm heraus: Wie alle seine Kumpane wurde er im Alter von elf Jahren allabendlich an Männer - „feine Pinkel“ nennt er sie mit bodenlosem Hass - als Lustknabe verhökert, lernte, sie schweigend zu erdulden, sich selbst für die Dauer der Vergewaltigungen geistig auszulöschen und seine Gegenüber bis in die feinsten Winkel ihres Unterbewusstseins zu analysieren.

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