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Wie in einem Spiegel: drei Stadien der Evolution Bild: Lara Paulussen

Sachbuch „Warum gibt es uns?“ : Und dann noch diese Quantenmechanik

Verständnis auf unterschiedlichen Levels: Johan Olsens Sachbuch „Warum gibt es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir“ erklärt das Universum, die Erde und den Menschen ohne kindgerechte Verdrehungen.

          3 Min.

          Die ganz grundlegenden Fragen nehmen keine Rücksicht auf das Alter. Im Gegenteil: Wie die Welt entstanden ist, wie groß das Universum ist, wo die Tiere herkommen und warum es uns Menschen gibt, sind Fragen, die man von Kindern vielleicht sogar häufiger hört als von Erwachsenen. Was sich dagegen im Laufe des Lebens eines neugierigen Menschen ändert, sind offenbar die Antworten, die er darauf in einem bestimmten Alter selbst findet und von anderen akzeptiert. Das liegt zum einen daran, dass das Verstehen immer an das anschließen muss, was man bereits verstanden hat. Es hat aber auch damit zu tun, dass die Antwort zu einem gewissen Grad die Erwartungen einlösen muss, die das Stellen der Frage motiviert hat.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viele Bücher, die Kindern ihre in die Wissenschaft führenden Fragen beantworten wollen, konzentrieren sich vor allem auf diesen Aspekt der Motivation. Sie machen ihre Antworten möglichst einfach, alltagsnah, bunt und aufregend, denn das ist sicher anschlussfähig und hält das Interesse des Nachwuchses am Leben. Die Hoffnung dahinter scheint nicht selten zu sein, dass es ausreicht, Wissenschaft schon im Kindesalter mit möglichst positiven Emotionen zu verbinden – die nötige Exaktheit und Tiefenschärfe kommt dann später von allein.

          Eine ganz andere Strategie wählt der dänische promovierte Biologe und Rockmusiker Johan Olsen in seinem Buch „Warum gibt es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir“. Er nimmt dabei in zwölf Kapiteln ein beachtliches Spektrum komplizierter Themen ins Visier: die Grundlagen der Chemie, die Entwicklung des Universums und des Sonnensystems, Quantenmechanik und Relativitätstheorie, die Entstehung und Entwicklung des Lebens von den ersten Organismen über die Dinosaurier bis zum Menschen.

          Alltagsnahe und bildreiche Sprache

          Das Besondere ist aber nicht einmal diese thematische Breite, sondern vielmehr, dass Olsen den Spagat zwischen wissenschaftlicher Korrektheit und kindgerechter Vermittlung unternimmt. Da geht es um den Zusammenhang zwischen Protonenzahl und dem Periodensystem, den Unterschied zwischen spezieller und allgemeiner Relativitätstheorie oder um die Grenzziehung zwischen Bakterien, Archaeen und Eukaryoten. Der Nachwuchs wird vor Fachausdrücken kaum bewahrt. Wenn eine Beschreibung einmal streng genommen wissenschaftlich falsch ist, setzt der Autor ein einschränkendes „oder so ähnlich“ hinzu oder ermuntert den Leser, sich mit den für diesen Rahmen zu komplizierten Details selbst später auseinanderzusetzen oder offenen Forschungsfragen in Zukunft selbst nachzugehen.

          Johan Olsen: „Warum gibt es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir“. Bilder von Lara Paulussen. Aus dem Dänischen von Inge Wehrmann. Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 138 S., geb., 16,95 €. Ab 8 J.

          Seine Wissenschaftsnähe versucht Olsen durch eine überaus alltagsnahe und bildreiche Sprache aufzufangen. So verdeutlicht er Unterschiede der potentiellen Energie durch verschieden tiefe Einschlagkrater von Tassen, die man aus verschieden hohen Schrankfächern in eine Torte fallen lässt. Interferenzeffekte von Licht werden anhand der Ringwellen von Regentropfen in einer Pfütze erklärt, das Grundprinzip der allgemeinen Relativitätstheorie – die Äquivalenz von Schwerkraft und Beschleunigung – damit, dass man in den Sitz gedrückt wird, wenn die Mutter im Auto beschleunigt. Die visuelle Gestaltung in Form von kleinen bunten Zeichnungen und wunderschönen ganzseitigen Illustrationen vor jedem Kapitel, beigesteuert von Lara Paulussen, ist demgegenüber zweitrangig.

          Bei den meisten Themen, insbesondere denen, die sich nicht zu weit in die theoretische Grundlagenforschung hineinwagen, funktioniert das sehr gut. Dass sich ein Achtjähriger dagegen schon für die kontraintuitiven und bizarren Eigenschaften der Quantenmechanik wie beispielsweise den Welle-Teilchen-Dualismus begeistern kann, ohne ein festes Verständnis der klassischen Mechanik als Kontrast zu besitzen, mag man nicht immer voraussetzen können.

          Die Motivation muss vom Leser selbst kommen

          Im abschließenden Kapitel, das unter dem Titel „Die Wirklichkeit“ einen philosophischen Ausblick liefert, offenbart Olsen den Schlüssel zu seiner pädagogischen Strategie. Wenn der Leser manchmal das Gefühl gehabt habe, nicht alles ganz verstanden zu haben, dann solle er sich nicht grämen. „Man kann Dinge nämlich auf unterschiedlichen Levels begreifen. Wie bei den Levels in einem Computerspiel.“ Jeder kann sich demnach aus den Erklärungen das mitnehmen, was dem eigenen Vorwissen und Interesse entspricht. Und wenn das Kind das Buch mit 16 noch einmal in die Hände bekommen sollte – so könnte man vielleicht weiterspinnen –, dann sollte es die Erklärungen ganz anders lesen und trotzdem noch nützlich finden können.

          Das Einzige, was dem im Wege stehen mag, ist das, was andere Bücher gerne übertreiben: die Förderung der Motivation, sich den Erklärungen auszusetzen und dabei auch Verständnisgrenzen zu akzeptieren.

          Diese Motivation muss in diesem Buch weitgehend vom Leser selbst kommen. Keine Infografiken, Faltobjekte, VR-Animationen oder Rätselspiele werden diese Aufgabe übernehmen.

          Johan Olsen: „Warum gibt es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir“. Bilder von Lara Paulussen. Aus dem Dänischen von Inge Wehrmann. Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 138 S., geb., 16,95 €. Ab 8 J.

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