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Jörg Mühles neues Bilderbuch : Wenn zwei sich streiten, freut sich der Fuchs

Jörg Mühle: „Zwei für mich, einer für dich“. Moritz Verlag, Frankfurt 2018. 32 S., geb., 12,95 . Ab 4 J. Bild: Moritz Verlag

In seinem neuen Bilderbuch widmet sich Jörg Mühle einem altbekannten Konflikt. „Zwei für mich, einer für dich“ zeigt, wie oft die einfache, freche und kluge Lösung ganz nah liegt, führt aber weiter.

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          Wenn es um Gerechtigkeit geht, kann das Objekt der Auseinandersetzung gar kein banales sein. Drei Champignons reichen völlig aus, um soziale Ungleichheit zu verhandeln, und der Titel von Jörg Mühles Buch liefert den Streitpunkt gleich mit: „Zwei für mich, einer für dich“. Da glaubt einer, er habe mehr verdient als der andere. Weil er stärker ist und gerissener? Weil er seine Macht ausspielen will oder doch, weil er ein gutes Recht darauf hat?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Schon auf der Innenseite des Umschlags holt Jörg Mühle seine Leser zu sich in den Wald. Statt eines düsteren Forsts wartet dort eine Lichtung voller kräftiger Stämme mit Astlöchern, in denen Eulen sitzen, pilzbewachsenen Wurzeln und gemütlichen Wohnungen unter Laubdächern. Die Tiere sind die rechtmäßigen, zumeist sehr gelassenen Bewohner dieser Welt des Müßiggangs und der Versenkung. Sie kriechen und klettern, schlurfen und schlafen und lassen sich dabei gegenseitig in Ruhe. Wenn doch einmal etwas zu erledigen ist, schnappt sich jemand die Umhängetasche und zieht los, so wie der Bär. Drei prachtvolle Pilze bringt er von seiner Unternehmung stolz mit nach Hause, wo sein Mitbewohner, das Wiesel, schon auf ihn wartet und sich über die Abwechslung freut.

          Während das Wiesel die Pilze putzt, brät und würzt, sie in Petersilie schmoren lässt und schließlich serviert, sitzt der Bär am Tisch und spielt mit dem Besteck. Für ihn ist klar, dass er, der das Abendessen besorgt hat und der Größere der beiden ist, sich den Bärenanteil verdient hat: „So ist es gerecht.“ Aber wer klein ist, begehrt das Wiesel auf, muss noch wachsen und braucht deshalb den größeren Anteil. Zwei für mich, einer für dich. Das ist gerecht!

          Der Fuchs hat alles richtig gemacht

          Und so eskaliert das gemütliche Abendmahl, wie es in den besten Familien schon geschehen sein soll. Erst wird mit Gabeln gefuchtelt und am Tischtuch gerissen, dann werden Zähne gefletscht, Argumente und Pilze fliegen zwischen dem wütenden Wiesel und dem lärmenden Bären hin und her. Als die Ebene der sachlichen Diskussion längst verlassen ist, beginnt die Psychologisierung: Wer hat was zuerst gesagt, welcher Bauch knurrt lauter, wer weiß das Gericht mehr zu schätzen? Schließlich noch das obligatorische „und damit Schluss“, gefolgt von einem letzten Hieb: „Dann bist du aber nicht mehr mein Freund.“

          Verlaufen alle Streitereien nach demselben absehbaren Muster? In Jörg Mühles Buch scheint es so. Der Anlass freilich ist allgemein anerkannt, Hunger und Futterneid können verhängnisvolle Wirkung entfalten. Das wissen alle, die einmal mit Geschwistern am Esstisch saßen. Mühle löst das Problem dann auch nach bewährter Manier: Im ganzen Durcheinander greift sich der Fuchs, der dem Spektakel hinter einem Baum versteckt zuschaute, einen Pilz aus der Hand des Wiesels und verspeist ihn mit Genuss. Entsetzen, ein langgezogener Schrei, zwei wie Zauberstäbe in die Höhe gereckte Gabeln. Aber es ist zu spät, der Fuchs dreht sich um, hebt die Hand, winkt ab und tapst zufrieden davon, wissend, dass er alles richtig gemacht hat.

          Es geht nicht darum, wer recht hat

          Die Pilze schmecken dann auch wunderbar. So weit, so bekannt. Aber der 1973 in Frankfurt geborene Illustrator findet, wie auch bei seinen Bilderbüchern „Badetag für Hasenkind“ und „Nur noch kurz die Ohren kraulen“, in denen Kinder unterhaltsam in das Geschehen einbezogen werden, einen originelleren Abschluss. Seine kurze Geschichte des Teilens endet mit dem Nachtisch: saftige Walderdbeeren, das Leibgericht des Bären. Wie viele es sind, kann jeder selbst erraten.

          „Zwei für mich, einer für dich“ zeigt, wie oft die einfache, freche und kluge Lösung ganz nah liegt, führt aber weiter: Viele Konflikte stellen sich immer wieder von neuem, weil es den Beteiligten nicht gelingt, aus ihnen zu lernen. Es geht nicht darum, wer recht hat. Auch nicht darum, einen Fuchs zu finden, der alles richtet. Es geht um den menschlichen Makel des Sich-Vergleichens und das nicht zur Ruhe gebrachte Gefühl, zu kurz zu kommen.

          Wer sich dem früh genug stellt, hat Chancen, gelassen damit umzugehen. Wer wiederum glaubt, davon frei zu sein, schlendert einfach durch Jörg Mühles magischen Wald, besucht seine bezaubernden Bewohner und sammelt ein paar Pilze.

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